Links im Bild ist ein Gehirn und rechts im Bild ist ein schlafende Person

Lernen im Schlaf

Träume verarbeiten Erlebtes aus dem Alltag. Den Inhalt des Traumes zu bestimmen oder ihn bewusst zu steuern, ist allerdings nicht so einfach. Mittels Targeted Dream Incubation (TDI) und einem tragbaren Schlaf-Tracking-Sensors, könnte gezieltes Träumen bald möglich sein. TDI wurde bereits als Therapieform und Methode zum Schlaflernen getestet. //von Sarah Szuminski und Tim Breuer

Es gibt bereits zahlreiche Methoden von Targeted Dream Incubation zur Manipulation von Träumen. Dazu zählen unter anderem die Beeinflussung über Geräusche oder Gerüche. Funktionieren kann das, wenn sich der Mensch in der Einschlafphase befindet. Eine Forschungsgruppe am Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat hierzu einen Schlaf-Tracking-Sensor namens Dormio entwickelt, der gezielt im Traum wahrgenommene Bilder durch Audiosignale beeinflussen könnte. Diese Technologie soll in der Zukunft beispielsweise die Kreativität steigern, das Lernen fördern und für Marketingzwecke genutzt werden. In der Vergangenheit untersuchten Forschende bereits die Bekämpfung von Zigarettensucht mittels TDI.

Was ist Targeted Dream Incubation?

Damit Targeted Dream Incubation funktioniert, muss sich die Person in der Einschlafphase, auch Hypnagogie genannt, befinden. Sie kann in dem Zustand Reize unterbewusst von außen wahrnehmen und visuelle, auditive und taktile Halluzinationen erleben. Targeted Dream Incubation basiert auf Enkoimesis, einer antiken Praxis verschiedener Kulturen zur Problemlösung im Schlaf über Rituale, die vor dem Schlafen durchgeführt werden, wie zum Beispiel Fasten und Beten. In der Neuzeit wird die Trauminkubation für therapeutische Zwecke in der Psychologie und Schlafforschung verwendet: Deirdre Bennet führte 1993 ein Experiment, basierend auf der Forschung des amerikanischen Schlafforschungspionier William C. Dement durch. Dabei mussten 96 Studierende 15 Minuten vor dem Schlafen über ein bestimmtes Problem nachdenken. Zwei Drittel der Teilnehmenden träumten von dem Problem, ein Drittel gelang es Lösungsansätze für ihr Problem zu finden.

Funktionsweise von Targeted Dream Incubation

Die Funktionsweise von TDI durch Hören von Geräuschen unterteilt sich in zwei Schritte. Befindet sich die Testperson in der Einschlafphase, wird eine Audiodatei abgespielt. Dadurch generiert die Person sogenannte Schlafbilder und sie träumt von den Außenreizen. Der entscheidende Unterschied zwischen Einschlafphase und REM-Schlafphasen ist, dass die Menschen im hypnagogischen Zustand Geräusche und gesprochenes aus der realen Welt weiterhin wahrnehmen und verarbeiten können. Hier setzt die Targeted Dream Incubation an. Wenn die Person noch tiefer in den Schlaf sinkt, kann dies dazu führen, dass sie den Traum vergessen wird. Im nächsten Schritt wird deshalb ein Traumbericht abgespielt. Bei der anschließenden Befragung erklärt die Testperson, worüber sie nachdenkt. Sobald sie geantwortet hat, wiederholt sich der Prozess und es beginnt wieder mit dem ersten Schritt.

Einschätzung zu Targeted Dream Incubation

Professor Michael Schredl betrachtet dieses Verfahren jedoch kritisch. Er ist Traumforscher und wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors in Mannheim am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI). Er ist der Meinung, dass Träume vor allem durch die Erlebnisse aus dem Tag entstehen und die TDI nur die Einschlafträume temporär beeinflusst, also nur einen kleinen Teil des Träumens. Folglich muss für eine effektive Inkubation dieser Einschlafprozess immer wieder wiederholt werden. Dies sei kritisch zu beurteilen und könnte zu Schlafproblemen führen. Schließlich würden die zu behandelnden Personen immer wieder aus dem Tiefschlaf gerissen, eine realistische Implementation sei hier noch fraglich.

Verwirklichung der TDI durch Dormio

Für ein gezielteres Prozedere, ist eine entsprechende Hardware nötig. Ein Forschungsteam am Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat einen Schlaf-Tracking-Sensor entwickelt, der dies erfüllen könnte. Es ist ein Sensor, der während des Schlafens an der Hand getragen wird. Das Gerät besteht aus einem Armband und drei Ringen. Diese messen über bewegliche Flexon-Sensoren die Herz- und Atemfrequenz. Bestimmte Frequenzen sind hier typisch für einzelne Traumphasen. So können Forschende möglichst genau die Testperson über Außenreize im hypnagogischen Zustand ansteuern. Die Beeinflussung des Schlafenden wird in der zweiten Version von Dormio über eine zugehörige App durchgeführt. Somit inkubiert Dormio die Person mittels Audiosignalen über wiederholtes Abspielen bestimmter Worte und verhindert das Eintreffen einer anderen Schlafphase als der Einschlafphase, um diese möglichst zu verlängern.

Einschätzung zu Dormio

Das Forschungsteam ist davon überzeugt, dass sie die Kreativität, sowie das Lernen im Schlaf durch die Kontrolle der Träume gezielt durch Gedanken anregen können. Im halbwachen Zustand lässt sich die Konzentration auf bestimmte Gebiete erhöhen, da es keine Ablenkungen gibt und das Gehirn sich nur auf die gezielten Außenreize fokussiert. Der Psychologe Robert Czernecka stellt es sich schwer vor, wissenschaftlich zu beweisen, dass die Methode angeschlagen hat und, dass man Kreativität/Lernerfolg gut messen könne. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Technischen Universität (TU) in Dresden. Es benötige mehr Studien. Momentan zeigt Dormio eine Methode, die TDI effektiver anzusteuern, sodass Außenreize unterbewusst im Schlaf wahrgenommen werden. Das Lernen im Schlaf ist hier zunächst die Fähigkeit des Gehirns Traumbilder aufgrund von Verknüpfungen zur Außenwelt herzustellen. Dies ist mit Lernen im akademischen Sinne noch nicht gleichzusetzen.

Kreativitätssteigerung durch TDI

Um die Kreativität zu steigern, nutzen Forschende die Verlängerung des hypnagogischen Zustandes. Diese fluide Form zwischen Schlaf und Wachsein ist flexibel, losgelöst und immersiv. Der hypnagogische Zustand fördert Mind-Wandering, eine Art Tagträumerei, in der potenzielle Szenarien immer wieder wiederholt werden. Die Kreativität kann TDI beeinflussen, da in der Hypnagogie verschiedene Lösungen für ein Problem durchgespielt werden, bis eine Strategie gefunden ist.

Links ist Text: "Kreativer durch Träumen: Wie könnte das funktionieren?" und rechts im Bild ist ein Gehirn mit einem Chip zu sehen
                     Kreativer durchs Träumen? // Bild: Tim Breuer
Informationen über Hypnagogie und die Stahlballmethode
                     Die Stahlballmethode // Bild: Tim Breuer
Informationen über Dormio
                     Erste Beweise // Bild: Tim Breuer
Einschätzung von Professor Michael Schredl zu "Dormio"
                     Expertenmeinung von Prof. Dr. Michael Schredl // Bild: Tim Breuer

Lernen im Schlaf mittels TDI

Beim Lernen im Schlaf bedient sich die TDI einer verwandten Methode, der gezielten Erinnerungs-Reaktivierung (TMR). Ein Außenreiz reaktiviert bestimmte Erinnerungen. Dabei lernen die Rezipierenden keine neuen Dinge im Schlaf, das Gedächtnis wird lediglich gefestigt. Eine solche Reaktivierung muss über einen längeren Zeitraum erfolgen und ein Basiswissen vorhanden sein. Eine Studie von Maurice Grödl & Björn Rasch, Department of Psychology, University of Fribourg, Schweiz zu Störungen während TMR Behandlung zeigt jedoch, dass Lernen im Schlaf momentan nur in einem kontrollierten Forschungsumfeld möglich ist. Störungen, wie das Aufwachen der Testperson oder Fremdgeräusche können den Lernprozess negativ beeinflussen.

Marketing und TDI

Im Marketing, speziell Fernsehwerbung, sollen besonders repetitive Spots mit häufig vorkommenden Wörtern (beispielsweise Name Produkt X, kaufen, günstig etc.) zu den üblichen Einschlafzeiten der Rezipierenden geschaltet werden. Auch hier ist die Absicht Traumbilder von einem bestimmten Produkt herzustellen. Das soll unterbewusst das Konsumverhalten beeinflussen. Tendenziell wäre diese Methode für jede Werbung mit Ton möglich, jedoch moralisch fraglich. Professor Michael Schredl verweist auf Studien mit Alkoholikern, deren Träume von Bier einen gegensätzlichen Effekt zeigten. Die Schlafbilder lösten eine Reaktivierung schlechter Erfahrungen mit dem Produkt aus. Zudem ist eine Erinnerung an die Einschlafträume nicht garantiert. Ob TDI über Werbung trotzdem Verknüpfungen bei Rezipierenden herstellt, ist noch nicht bewiesen.

Potential von Targeted Dream Incubation

Das Potential ist zumindest da, denn die Therapiemethoden zeigen minimale Erfolge. Die meisten Forschungen benötigen laut Robert Czernecka noch eine "Peer-Reviewte Veröffentlichung", da sonst keine aussagekräftigen Schlüsse daraus gezogen werden können. Schlussendlich liegt der Fokus auf das, was TDI momentan tatsächlich leistet: Die Beeinflussung von Einschlafträumen, was folglich die Fähigkeit des Gehirns zeigt, einfache Verbindungen im Schlaf durch Außenreize herzustellen. Alles was darüber hinausgeht ist noch nicht ausgereift genug und benötigt weitere Forschung.

Teaserbild: Können wir unsere Träume beeinflussen? // Bild: Tim Breuer

Die Autoren

Sarah Szuminski

Tim Breuer

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