Quelle: Tim Rüßmann Das Velomobil von TREE kommt in verschiedenen Projekten zum Einsatz.

Verkleidete Fahrräder?

Sie sehen aus wie kleine Raketen und fahren wie Fahrräder, werden mit Muskelkraft betrieben und sollen die Geschwindigkeiten eines Autos erreichen können. Doch sind Velomobile nur verkleidete Fahrräder? //Von Tim Rüßmann

07.12.2017//Immer wieder kommen neue Details des Abgas-Skandals ans Licht, die manche Automobilhersteller bisher zurückgehalten haben. Während der erste große Diesel-Gipfel Anfang September noch stark kritisiert wurde, fand nun am 28. November 2017 der zweite Gipfel in Berlin statt, bei dem Themen, wie zum Beispiel ein mögliches Diesel-Fahrverbot besprochen wurden. Da wäre es angemessen, über effizientere sowie umweltfreundlichere Fortbewegungsmethoden und Transportmittel nachzudenken. Wie wäre es mit einem Gefährt, das flach wie ein Sportwagen ist, keine Emissionen ausstößt wie ein Fahrrad, aussieht wie ein Segelflugzeug ohne Tragflächen und Geschwindigkeiten eines Autos erreicht? Diese Eigenschaften vereint ein Velomobil.

Der Aufbau eines Velomobils

Als Basis für ein Velomobil dient ein Liegerad. Die Fahrzeuge sollten bei langsamer Fahrt und im Stand nicht kippen, daher haben sie oft drei Räder, vereinzelt auch vier oder nur zwei. Die heutigen Karosserien sind meist entweder aus GFK oder aus Carbon, gelegentlich auch aus Aluminium. Im Inneren des Velomobils sind nur einen Sitz, die Pedale mit Zahnradkranz und Kette, sowie die Lenkung. Im Heck hinter dem Sitz ist meist noch Platz für einen Elektromotor oder etwas Gepäck. Neben Modellen mit normaler Lenkung gibt es auch solche mit einer sogenannten Panzerlenkung. Bei dieser Art hat der Fahrer rechts und links von sich jeweils einen Hebel zum Lenken an dem er zieht, je nach gewählter Richtung. Als Bremsen werden häufig Trommel- und Scheibenbremsen verwendet, da es beispielsweise für die Felgenbremsen vorne keine Halterung gibt. Die Schaltung unterscheidet sich nicht zu der eines handelsüblichen Fahrrads.

 

Zwei Arten von Velomobilen

Velomobile können viele verschiedene Formen haben. Grob lassen sie sich in zwei Kategorien einteilen. Zum einen gibt es die Rennvelomobile, die nur für die Rennstrecke und Rekordjagden gedacht sind und zum anderen die Alltagsvelomobile, mit denen zur Arbeit oder zum Einkaufen gefahren werden kann. Bei Rennvelomobilen liegt der Fokus auf Geschwindigkeit. Möglichst wenig Gewicht und die beste Aerodynamik lautet die Philosophie. Dafür haben diese Modelle meist auch nur zwei Räder. Sie sind jedoch nicht für den Straßenverkehr zugelassen.
Alltagsvelomobile hingegen müssen gewisse Kriterien erfüllen, damit sie sicher im Straßenverkehr fahrbar sind. Zum Beispiel ist eine gewisse Mindestbreite je nach Bauhöhe für die Kippsicherheit erforderlich. Die Elektrovelomobile lassen sich ebenfalls diesen beiden Kategorien zuordnen.

Der Fahrrad-Vergleich

Die Vorteile eines Velomobils gegenüber einem handelsüblichen Fahrrad liegen auf der Hand. Mit einem Velomobil lassen sich deutlich größere Strecken mit vergleichsweise geringerem Kraftaufwand bewältigen. Durch seine stromlinienförmige Verkleidung fährt sich ein Velomobil deutlich effizienter als ein Fahrrad, bei dem der Radler aufrecht im Wind sitzt. Gleichzeitig bietet es sehr guten Schutz gegen alle Wetterwidrigkeiten. Während die Meisten im Winter ihr Rad im Keller lassen, bietet das Velomobil mit dem dritten Rad zusätzliche Stabilität, erklärt Dietrich Lohmeyer, Gründer von "Lohmeyer Leichtfahrzeuge". Des Weiteren wird es im Velomobil so warm, dass keine Winterkleidung in der kalten Jahreszeit benötigt wird.
Allerdings bieten Velomobile nicht nur Vorteile. Der Wendekreis ist beispielsweise größer als der eines Fahrrads. Außerdem werde die flache Bauweise oftmals als gefährlich empfunden, sagt Lohmeyer. Sie könne weniger sportlichen Menschen Schwierigkeiten bereiten. Als Nachteil sieht Ronald Winkler, Fachreferent für Stadtverkehr im Bereich Verkehrspolitik beim ADAC, ebenfalls "die eingeschränkte Alltagstauglichkeit aufgrund der im Vergleich zum Fahrrad größeren Abmessungen."
Beim Verschleiß ist das Fahrrad besser, was allerdings daran liegt, dass ein Velomobil mehr Verschleißteile hat und höhere Geschwindigkeiten erreichen kann. Mit sorgfältiger und regelmäßiger Pflege kann dieser Verschleiß jedoch vermindert werden.

Verbreitung und Einsatzgebiete

Die Velomobile sind nicht sehr verbreitet. Zwischen 1990 und 2016 wurden laut Lohmeyer nur rund 6815 Velomobile produziert. Davon kamen circa 3000 bis 4000 in den Handel. Bleibt die Frage, warum sich Velomobile bei all ihren Vorzügen noch nicht durchgesetzt haben. Zum einen liegt dies an den hohen Preisen. Für einen Bausatz zahlt der Käufer rund 3000 Euro, für ein fertiges Velomobil starten die Preise bei rund 4000 bis 5000 Euro. Zum anderen gibt es kaum Erfahrungswerte mit den Fahrzeugen. Selbst der ADAC sagt, dass sie aufgrund der "extrem geringen Verbreitung der Velobikes und den damit verbundenen kaum nachweisbaren Effekten auf den Verkehr" keine Daten hätten.
Neben der privaten Benutzung kommen Velomobile auch in der Forschung zum Einsatz. So erklärt Melanie Ludwig vom Institut TREE, die am Forschungsprojekt Stella: Effiziente Mobilität mitarbeitet, dass sie das Velomobil nutzen, um aerodynamische Formen zu untersuchen. (DoveCopter Projekt)

Die Zukunft der Velomobile

Die Experten vermuten, dass sich in den kommenden zehn Jahren wenig an Velomobilen ändern wird. Dietrich Lohmeyer sieht den Trend bei den vierrädrigen Velomobilen, die noch etwas mehr Standfestigkeit bieten, jedoch größer sind. "Der Anteil der Velomobile mit Elektroantrieb wird vor allem bei den größeren und schwereren Alltagsvelomobilen eher noch größer werden als im Fahrradbereich, da man mit Velomobilen häufiger weite Strecken fährt", erläutert Lohmeyer. Kritik gibt es auch an der Subventionspolitik, so zum Beispiel von Michael Hänsch, Vorsitzender des Human Powered Vehicles e.V., denn "umweltschädliche Dienstwagen werden subventioniert" während für Fahrräder kaum Geld ausgegeben werde. Hänsch betont, dass die finanzielle Förderung notwendig sei. "Als erste Stadt hat München eine finanzielle Förderung für die Anschaffung von Lastenrädern eingeführt, danach kam Mannheim", erklärt er.

Die Geschichte des Velomobils

Die ersten Versuche in dem Bereich eines verkleideten Tretautos unternahm der französische Konstrukteur Charles Mochet um 1925 für seinen Sohn Georges. Das "Velocar" war mehrspurig und anfangs aus Aluminium, die Serienversion hatte später einen Holzaufbau. Zwischen 1925 und 1944 stellte Mochet rund 6000 Velocars her.
Im Jahr 1926 wurde dann das "Landskiff" in Deutschland von Manfred Curry patentiert, ein fast bootähnliches vierrädriges Gefährt mit Ruderantrieb, das es sowohl mit als auch ohne Verkleidung gab.
Die ersten Versuche im Bereich des Liegerads unternahmen Charles und Georges Mochet im Sommer 1932, indem sie nach dem Vorbild des Velocars das "Velo-Velocar" in zwei Versionen, einer Renn- und einer Tourenversion, konstruierten, das zahlreiche Rekorde aufstellte. Später wurde ihre Konstruktion, anfänglich noch homologiert, vom Fahrradweltverband UCI verboten.
Nach dem Jom-Kippur-Krieg und der ersten Ölkrise Ende der 1973 fingen erneut Ingenieure an, sich mit dem Thema Velomobile auseinanderzusetzen. So entwickelte der Däne Carl Georg Rasmussen im Jahr 1980 den ersten "Leitra", ein vierrädriges Velomobil für maximal zwei Personen für den Alltag. Zur gleichen Zeit entwickelte sich in den USA die HPV-Bewegung (human powered vehicles), die sich jedoch auf den Rennsport konzentrierte.

Teaserbild: Das Velomobil von TREE kommt in verschiedenen Projekten zum Einsatz. (Quelle: Tim Rüßmann)

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