Ein Arbeitsplatz fürs Online-Semester, vom Bett aus.

Herausforderung eines Online-Semesters

Für das Zuspätkommen im Sommersemester 2020 gibt es ganz neue Gründe. Es heißt nicht mehr "Meine Bahn hatte Verspätung", sondern "Sorry, meine Internetverbindung wollte nicht." Aufgrund des Coronavirus müssen sich Studierende und Dozierende an die neue Situation eines Online-Semesters anpassen.// Von Véronique Braun

Statt sich morgens aus dem Bett zu quälen und sich abzuhetzen, können Studierende jetzt gemütlich, vielleicht sogar noch vom Bett aus, den Laptop oder den Computer einschalten und entspannt den Dozierenden zuhören. Nebenbei noch frühstücken, aufräumen oder einfach nur mit den anderen Kursteilnehmenden schreiben ist möglich.

Während Studierende und Lehrende eines Präsenzstudiums sich gerade erst mit der neuen Situation anfreunden, sind die Teilnehmenden eines Fernstudienprogrammes das Lernen von zu Hause gewohnt. Margot Klinkner vom Zentrum für Fernstudien im Hochschulverbund (ZFH), welches mit 21 staatlichen Hochschulen zusammenarbeitet, berichtet, dass virtuelle Konferenzsysteme bei den Selbstlernphasen schon verwendet würden. Daher sei die Umstellung, die Präsenzveranstaltungen ebenfalls online stattfinden zu lassen, kein Problem gewesen.

Zeitmanagement

Studierende, die Präsenzveranstaltungen gewohnt sind, haben einen klaren Stundenplan mit genauen Zeiten, wann und wo welches Modul stattfindet. Lehrende, die auch in diesem außergewöhnlichem Semester auf eine synchrone Lehre setzen und hierzu eine virtuelle Plattform verwenden, erwarten ihre Studierenden nach wie vor zur geregelten Zeit.

Der ProLehre-Leitfaden für synchrone und asynchrone Online-Lehre der Technischen Universität München empfiehlt auf eine überwiegend asynchrone Lehrmethode zu setzen. Bei einer asynchronen Lehrmethode werden Lernmaterialien zum Beispiel in Form von Aufgaben zur Verfügung gestellt. Somit können die Studierenden individuell arbeiten, ohne sich auf eine gute Internet-Verbindung während einer Videokonferenz verlassen zu müssen. Auch Fernstudiengänge nutzen asynchrone Lehre. "So können die Studierenden je nach Bedarf und in dem ihnen passenden Zeitfenster Studieninhalte bearbeiten, auf Lernsoftware zugreifen und das Studium auf diese Weise äußerst flexibel bewältigen", erzählt Margot Klinkner.

Für ein Online-Studium brauchen die Studierenden ein gutes Organisationstalent und Zeitmanagement. Durch das asynchrone Lernen sind sie nicht an eine feste Zeit gebunden, die Aufgaben müssen dennoch bearbeitet werden. Auch hier kann Technik helfen. Studierende des ZFH bekommen in einer Kalenderfunktion die Abgabetermine angezeigt und werden über die Erinnerungsfunktion noch einmal darauf hingewiesen. Sie können auch einen anderen Online-Kalender verwenden und sich die Erinnerungen so einstellen, wie sie für sie persönlich sinnvoll sind.

Bedeutung der Internetverbindung

Sascha Foerster, Experte für digitale Kommunikation von der Agentur Bonn.Digital, und Margot Klinkner sind sich darin einig, dass eine gute Internetverbindung wichtig ist. Am weltweit größten Internetknoten DE-CIX in Frankfurt am Main wird eine stark zunehmende Nutzung des Internets seit den Corona-Maßnahmen beobachtet. Nach einem Bericht auf der Seite von DE-CIX ist die Anzahl der Videokonferenzen stark angestiegen, was auf das nun viel genutzte Home Office zurückgeführt wird. Daneben ist ein starker Anstieg der Social Media Nutzung und der Gaming Aktivitäten verzeichnet worden. In den FAQ zur Corona Situation vom DE-CIX wird erläutert, dass die erhöhte Nutzung des Internets kein Problem darstellt und sie genügend Kapazität haben. Durch das Kontaktverbot und die dadurch bedingte starke Nutzung wird das Internet also nicht zusammenbrechen.

Grundsätzlich ist die Internet-Kapazität also ausreichend, dennoch gibt es Regionen, in denen die Verbindungen schlecht sind. Grund dafür ist der fehlende Breitbandausbau in Deutschland. In einer Graphik des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur ist abzulesen, dass in ländlichen Regionen Mitte 2019 die Bandbreite bei knapp 25 Prozent der Haushalte niedriger als 30 Megabits pro Sekunde (Mbit/s) ist. Das kann dazu führen, dass Videokonferenzen nicht reibungslos laufen. Arbeiten nun mehrere Personen in einem Haushalt mit digitalen Endgeräten, beeinflusst das zusätzlich die Internetgeschwindigkeit. Sascha Foerster gibt den Tipp, Onlinekonferenztools über eine LAN-Kabelverbindung zu nutzen, da diese den Vorzug hätten, stabiler zu sein als WLAN.

Zuhören im Online-Semester

Schlechte Tonqualität erschwert die digitale Lehre. Bei einer schlechten Tonqualität fällt es schwerer zuzuhören. "Guter Ton ist fast noch wichtiger als das Bild, also sollte man nicht unbedingt das eingebaute Mikrofon im Laptop nutzen", findet Sascha Foerster. In den meisten Laptops sind nicht die besten Mikrofone verbaut, weswegen er ein Standmikrofon oder ein Headset empfiehlt. Schon besser für die Tonqualität seien die oft beim Handy beiliegenden Kopfhörer, sofern diese über ein Mikrophon verfügen.

Wie ProLehre in ihrem Leitfaden angemerkt hat, kann die Lehrperson über eine Videokonferenz nicht anhand der Mimik und Körperhaltung erkennen, ob die Studierenden zuhören und dem Stoff folgen können. Durch den Einsatz von Webkameras, kann man hier zumindest die Mimik erkennen, doch nicht alle Studierenden haben eine Kamera, andere wiederum wollen diese auch gar nicht erst einschalten. Das Zuhören in einer Online Vorlesung wird nach Sascha Foerster dadurch erleichtert, dass die Dozierenden genau wie in der Offline-Lehre die Studierenden einbeziehen, indem Fragen, Umfragen sowie Quizze gestellt werden.

Brauchen wir noch Präsenzveranstaltungen?

Auch wenn das Online-Semester Fahrzeiten einspart und bequemer scheint, erläutert Margot Klinkner, dass Präsenzphasen nachweislich eine wichtige Erfolgskomponente für den Studienerfolg sind. Durch die Präsenzphasen würden Themen noch einmal vertieft und reflektiert.

Bei manchen Studienfächern besteht eine Notwendigkeit von Präsenzphasen, da beispielsweise Laborversuche nicht von zu Hause sicher umsetzbar sind. Auch ein Sportstudium von zu Hause gestaltet sich schwieriger. Sportdozent Jonas Rohleder von der Sporthochschule Köln hat in einem Beitrag für den Spoho.Blog erzählt, wie er versucht, seinen Studierenden durch visuellen Input möglichst viel zu zeigen.

Ganz ohne Präsenzveranstaltungen ist ein Studium schwer umsetzbar, wie sich auch in Fernstudiengängen zeigt, die auch nicht ganz ohne auskommen. Daher darf man davon ausgehen, dass auch in Zukunft Lehrveranstaltungen mit Präsenz stattfinden werden. Dennoch bleibt es spannend, ob die Erfahrungen, die aktuell gesammelt werden, das Studium nach Corona verändern.


Selbstorganisation im Online-Semester. Quelle: Véronique Braun

Teaserbild:  Das Online-Semester kann an einem beliebigen Ort mit Internet-Verbindung stattfinden. Quelle: Véronique Braun 

Die Autorin

Véronique Braun

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