In der Mitte blind

Gesichter erkennen, Formulare lesen – Menschen, die unter dem Spätstadium der altersbedingten Makuladegeneration (AMD) leiden, können dies nicht mehr. Die Krankheit gehört zu den Hauptursachen für dauerhafte Erblindung in den  Industrienationen. // Von Veronika Scheuer

18.12.2017 // Als mir Hannelore (Name von der Redaktion geändert) die Tür öffnet, fällt mir auf, wie Sie an mir vorbei schaut. Ich weiß, dass sie an Makuladegeneration leidet, dennoch bin ich für einen kurzen Moment irritiert. Dann fällt es mir wieder ein: am Rande des Sichtfeldes können die Patienten noch sehen, das habe ich bei meiner Recherche herausgefunden. "Gucken Sie mich an und dann sagen Sie mir, was Sie im Vorgarten sehen", antwortet Hannelore auf die Frage, wie ich mir ihre Sicht vorstellen könne. Die 69-Jährige berichtet: "Dass etwas mit meinen Augen nicht stimmt, ist mir das erste Mal aufgefallen, als mir etwas heruntergefallen ist. Ich habe an die Stelle geguckt, wo der Gegenstand hingefallen sein musste, doch ich konnte ihn nicht sehen. Als ich dann den Kopf zur Seite gedreht habe, konnte ich den Gegenstand wahrnehmen." Erst einige Zeit später sei sie dann zum Augenarzt gegangen. Dort habe sie die Diagnose erhalten: Makuladegneration.

Erste Anzeichen einer AMD sind unscharfes und verschwommenes Sehen. Die Unschärfe breitet sich dann von der Mitte des Sichtfeldes immer weiter aus, bis die Patienten nur noch am äußeren Rand sehen können. Das Lesen und Erkennen von Gesichtern wird zunehmend schwieriger. Die Patienten können sich in der Regel jedoch weiterhin im Raum orientieren.

Ludger Wessels, Augenarzt in Sankt Augustin, berichtet, es sei nicht unüblich, dass Patienten nicht direkt den Augenarzt aufsuchen: "Ich kenne Patienten, die gedacht haben, dass sie eine neue Brille brauchen und damit die ersten Anzeichen einer AMD falsch gedeutet haben." Wenn man feststelle, dass man schlechter sehe, solle man den Augenarzt und nicht nur den Optiker aufsuchen, rät er daher.

Unterschiedliche Untersuchungsmethoden sinnvoll

Der Augenarzt kann mit Hilfe der Augenspiegelung, in der Fachsprache auch bekannt als Ophthalmoskopie oder Fundoskopie, die Netzhaut betrachten.

Bei Beschwerden oder diagnostizierter AMD werden die Kosten für diese Untersuchung von der Krankenkasse getragen. Die reine Vorsorgeuntersuchung wird allerdings nicht von der Kasse übernommen. Julia Harris, stellvertretende Geschäftsführerin des Berufsverbands der Augenärzte Deutschlands (BVA) berichtet, dass der BVA ab dem 60. Lebensjahr eine jährliche Untersuchung der Netzhaut als Vorsorgeuntersuchung empfehle. Wessels ist anderer Meinung: "Anstelle einer jährlichen Untersuchungen beim Augenarzt, ist es als AMD-Vorsorgeuntersuchung sinnvoller, dass Menschen ab dem Alter von sechzig Jahren etwa ein Mal im Monat den Amsler-Test zu Hause durchführen. Wichtig sind die kurzen Abstände, die beim Selbsttest möglich sind."

Für den Amsler-Gitter-Test fokussiert man den Punkt in der Mitte des Bildes. Wichtig ist es dabei, die Augen einzeln nacheinander zu testen. AMD-Patienten sehen die geraden Linien des Rasters verzerrt. Da zu Beginn der Krankheit das Sehen aber meist kaum bis gar nicht beeinträchtigt ist, kann erst ein Besuch beim Augenarzt Gewissheit schaffen.

Wessels berichtet: "Es gibt Patienten, die als Notfall in die Praxis kommen, weil Sie erst feststellen, dass Sie auf einem Auge blind sind, wenn Sie durch Zufall das andere Auge zugehalten haben. Mit Hilfe des Amsler-Tests kann man die Beeinträchtigung eines Auges früher feststellen."

Neben Amsler-Test und Augenspiegelung können zudem weitere Untersuchungsmöglichkeiten sinnvoll sein:

Mit der Fluoreszenzangiographie kann der Arzt krankhafte Blutgefäße erkennen. Diese sind ein typisches Merkmal der feuchten AMD. Für die Untersuchung erhält der Patient Augentropfen, die die Pupille weiten. Darüber hinaus wird ihm ein Farbstoff in den Arm injiziert, der nach kurzer Zeit in den Blutgefäßen des Auges ankommt. Bei Bestrahlung mit Licht leuchtet dieser Farbstoff. Nun werden in kurzen zeitlichen Abständen Fotos von der Netzhaut gemacht.

Harris erklärt, dass die Fluoreszenzangiographie durchgeführt werden solle, um zu entscheiden, welche medizinische Maßnahme sinnvoll sei. Allerdings solle sie nicht zu häufig erfolgen, da es sonst zur Unverträglichkeit gegenüber dem Farbstoff kommen könne. "Fluoreszenzangiographie wird meist nur in Gemeinschaftspraxen, die sich auf Augenoperationen spezialisiert haben, und in Kliniken angewendet", berichtet Wessels. Vor der Behandlung der feuchten AMD muss die Fluoreszenzangiographie durchgeführt werden, damit die Krankenkasse die Behandlungskosten übernimmt.

Die optische Kohärenz-Tomografie (OCT) macht die einzelnen Schichten der Netzhaut sichtbar. Verändert sich an einer Stelle die Dicke der Netzhaut durch die Flüssigkeitseinlagerungen, die bei der feuchten AMD auftreten, kann der Arzt diese mithilfe der optischen Kohärenz-Tomografie sehen. Es gibt verschiedene OCT-Methoden. Die Time Domain OCT ist eine dieser Methoden. Sie wird im folgenden Video erklärt.

"Die optische Kohärenz-Tomografie ist sowohl zur Diagnostik, als auch speziell zur Kontrolle der Behandlung einer feuchten AMD wichtig. Damit diese Behandlungskontrollen von der Krankenkasse übernommen werden, wurden mit fast allen gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland Versorgungsverträge geschlossen" , erläutert Harris.

optischer Kohärenz-Tomograf (OCT)

Zur Kontrolle der Behandlung von feuchter AMD wird die optische Kohärenz-Tomografie angewendet. // Foto: Veronika Scheuer

Professor Robert Finger von der Universitätsaugenklinik Bonn berichtet: "Die optische Kohärenz-Tomografie wenden wir sehr häufig an, da sie gut reproduzierbar ist und sehr schnell ein Ergebnis liefert." Wessels ist dennoch der Meinung, dass die OCT die Fluoreszenzangiographie nicht vollständig ersetzen kann: "Wo die optische Kohärenz-Tomografie keinen klaren Befund liefert, ist die Fluoreszenzangiographie wichtig."

Mit der Gesichtsfelduntersuchung , auch Perimetrie genannt, kann der Augenarzt ermitteln, wie groß das Sichtfeld des Patienten ist und ob die Netzhaut noch überall auf Lichtreize reagiert, oder ob bereits Teile der Netzhaut zerstört sind. Es gibt verschiedene Arten der Gesichtsfelduntersuchung.

Bei der Mikroperimetrie erfolgt die Reizung der Netzhaut mithilfe eines Lasers. Finger erklärt, die Mikroperimetrie werde fast ausschließlich in der Forschung verwendet, da sie sehr aufwendig sei. In der Praxis würden daher andere Gesichtsfelduntersuchungen durchgeführt. Wessels berichtet hingegen, dass man die Gesichtsfelduntersuchung außerhalb der Forschung in der Regel nicht bei Patienten mit Makuladegeneration anwendet.

In wenigen Fällen ist die Behandlung von AMD möglich

Die frühe und mittlere AMD können nicht behandelt werden. Bei Patienten, bei denen ein hohes Risiko besteht, dass sich die Spätform der AMD entwickelt, können hochdosierte Vitaminpräparate dieses Risiko senken. Es gibt jedoch kein Medikament, das den Übergang von der frühen und mittleren AMD zur Spätform stoppen kann. Die trockene Spätform kann nicht behandelt werden. Lediglich das Fortschreiten der feuchten Spätform kann durch Medikamente aufgehalten werden. „Durch eine dauerhafte Behandlung der feuchten AMD kann das Sehen über Jahre erhalten werden“, berichtet Finger.

Fühlen, Hören, Ordnung halten – damit behelfen sich Patienten im Alltag

Für Hannelore gibt es keine Behandlungsmöglichkeit. Sie hat mittlerweile nur noch zwei Prozent ihres ursprünglichen Sehvermögens. Aber die 69-Jährige weiß sich zu helfen: "Es ist besonders wichtig, dass in der Wohnung alles seinen festen Platz hat", erzählt sie. Ihre Gewürze zum Beispiel stünden in einer festgelegten Reihenfolge, sodass sie auch weiterhin kochen könne. "Wenn ich nach Rezept koche, dann lese ich zuerst das Rezept mithilfe meines Bildschirmlesegerätes. Damit kann ich die Buchstaben vergrößern und einstellen, dass der Hintergrund schwarz und die Buchstaben weiß angezeigt werden, was mir das Lesen vereinfacht. Das Rezept spreche ich dann auf mein Diktiergerät und kann es mir dadurch in der Küche immer wieder anhören." Hannelore zeigt auf die große Uhr, die in der Küche hängt. Sie hat einen Durchmesser von etwa 50 Zentimetern und große Zahlen auf dem Ziffernblatt. "Am Anfang hat es noch geholfen, dass die Uhr sehr groß ist, jetzt reicht das nicht mehr aus. Ich benötige Uhren, die mir auf Knopfdruck die Uhrzeit ansagen."

Zurechtfinden außerhalb der eigenen vier Wände

Auf die Frage, wie Sie außerhalb Ihrer Wohnung zurecht käme, berichtet Sie, dass Sie sich beim Überqueren von Straßen auf ihr Gehör verlassen könne. "Nur mit den neuen lautlosen Elektroautos habe ich Schwierigkeiten", erklärt sie. Es sei am Anfang besonders schwer gewesen, dass sie plötzlich auf Hilfe angewiesen war. Wenn sie mit dem Bus fahre, müsse sie zum Beispiel den Busfahrer bitten ihr zu sagen, wann sie aussteigen müsse. Auch einkaufen könne sie in der Regel nicht mehr alleine. Freudig erzählt sie jedoch: "Ich habe jetzt einen Weg gefunden, wie ich meine Verwandten mit dem Zug besuchen kann." Sie buche dann einen Service für Mensch mit Sehbehinderung, sodass sie jemand am Bahnhof empfängt und ihr beim Umsteigen hilft. "Als das beim ersten Versuch nicht geklappt hat, da habe ich zum ersten Mal in meinem Leben richtige Angst empfunden."

"Man merkt erst, wie wichtig die Augen sind, wenn sie nicht mehr richtig funktionieren"

Hannelore berichtet, dass auch das Fühlen wichtig geworden sei. Welches Geldstück sie in der Hand halte, könne sie am Rand ertasten. Abgesehen von den Kupfermünzen hätten die Münzen eine unterschiedliche Riffelung am Rand. Das Unterscheiden von Geldscheinen falle ihr allerdings sehr schwer, daher sortiere sie die Geldscheine zu Hause mit ihrem Bildschirmlesegerät. "Man merkt erst, wie wichtig die Augen sind, wenn sie nicht mehr richtig funktionieren", sagt sie. Aber die Krankheit habe nicht nur Schlechtes, berichtet sie zum Schluss. Es seien zwar viele Sachen nicht mehr möglich, die früher kein Problem darstellten. Dadurch hätte sie aber auch Zeit gefunden einmal in sich zu gehen und festzustellen, wie glücklich sie eigentlich sei.

Interview mit Professor Robert Finger

Forscher suchen nach Wirksamkeitsnachweis für AMD-Medikamente

Seit Jahren suchen Forscher Medikamente gegen AMD. Das Projekt "Macustar" befasst sich seit Mitte Oktober damit, wie nachgewiesen werden kann, ob eine Therapie, die den Wandel von der frühen zur späten AMD verhindert, wirksam ist. Warum es wichtig ist, dieser Frage nachzugehen, erklärt  Professor Robert Finger, Arbeitsgruppenleiter und Ko-Koordinator des Macustar-Projekts.

In der Vergangenheit gab es bereits klinische Studien zu AMD-Medikamenten, warum suchen Sie jetzt nach einem Wirksamkeitsnachweis für Therapieansätze?

"In bisherigen Medikamentenstudien ging es in der Regel um die Spätform der AMD. Die Wirksamkeit der Medikamente wurde dabei mithilfe von konventionellen Sehtests, die man auch von einem Besuch beim Optiker kennt, getestet. Da das Sehen bei den frühen Formen der AMD bei günstigen Lichtverhältnissen in der Regel nicht beeinträchtigt ist, reichen die konventionellen Tests nicht aus, um festzustellen, ob ein Medikament das Fortschreiten der intermediären AMD aufhalten kann. Gerade weil die Patienten, die an der frühen und intermediären AMD leiden, kaum beeinträchtigt sind, ist es sinnvoll Medikamente zu entwickeln, die den Wandel von der intermediären zur späten Form verhindern. Wir befassen uns deshalb damit, wie die Wirksamkeit dieser Medikamente nachgewiesen werden kann."

Sie verwenden für Ihr Forschungsprojekt sowohl die optische Kohärenztomographie, als auch die ortsaufgelöste Mikroperimetrie bei Dämmerungssehen. Warum sind diese Untersuchungsmethoden wichtig für ihr Projekt?

"Wir verwenden die optische Kohärenztomographie für unsere Forschung, da sie aktuell die genaueste Untersuchungsmethode ist. Mit der ortsaufgelösten Mikroperimetrie bei Dämmerungssehen kann bestimmt werden, wo genau die Makula von der Erkrankung betroffen ist. Diese Untersuchung wird in abgedunkelten Räumen durchgeführt, da im frühen und intermediären Stadium der AMD die Netzhautsensitivität besonders bei Dämmerung beeinträchtigt ist. Die Ergebnisse der Funktionstestungen werden dann mit den Veränderungen der Netzhaut in Verbindung gesetzt."

Wann werden erste Ergebnisse des Macustar-Projektes erwartet?

"Das Forschungsprojekt ist in zwei Phasen unterteilt. In der ersten Phase untersuchen wir, wie sich unterschiedliche Formen der Krankheit in Netzhaut-Funktionstesten äußern. Mit den Ergebnissen dieser ersten Phase rechnen wir Ende 2019. In der zweiten Phase werden dann Betroffene mit intermediärer AMD über drei Jahre ein Mal im Halbjahr untersucht."

Die Experten

 

Julia Harris

Julia Harris, Stellvertretende Geschäftsführerin Berufsverband der Augenärzte Deutschland e.V. // Quelle: Julia Harris

Professor Robert Finger

Professor Dr. Dr. Robert Finger, Oberarzt an der Universitätsaugenklinik in Bonn & Professor für ophthalmologische Epidemiologie und neuroretinale Bildgebung, Arbeitsgruppenleiter und Ko-Koordinator des Macustar-Projekts // Quelle: Robert Finger

Augenarzt Ludger Wessels

Sankt Augustiner Augenarzt Ludger Weßels// Foto: Veronika Scheuer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Teaser-Bild: Veronika Scheuer

Die Autorin

Veronika Scheuer

 

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