Essbare Stadt am Rhein

Weltweit wachsen die Städte und damit auch die Herausforderungen zur Versorgung der Bürger. Essen ist in der Großstadt jederzeit verfügbar. Doch in welcher Qualität? Mit so genannten essbaren Städten versuchen Gemeinden eine lokale Nahrungsmittelproduktion zu fördern. // Von Moritz Haubenreißer und Verena Kamprath 

20.12.2017// Die Menschen zieht es immer mehr in die Städte. Kleine regionale Landwirte leiden unter den Folgen der industrialisierten Landwirtschaft. Entscheidungen über das Essen werden auf Bundesebene getätigt. Durch die beschleunigte Urbanisierung der Welt sind Neuerungen im Ernährungssystem notwendig. Dies hat die Stadt Köln erkannt und unterschrieb so 2016 den MUFPP (Milan Urban Food Policy Pact). Dies ist ein Mailänder Abkommen über die städtische Ernährungspolitik. Mit dem Beitritt verpflichtete sich die Stadt Köln, aktiv an einer Umstellung der Ernährungspolitik zu arbeiten. In der Vereinbarung steht unter anderem, dass an nachhaltigen Ernährungssystemen gearbeitet werden soll, die gesunde und erschwingliche Lebensmittel für alle bereitstellen. Zudem sollen Abfälle minimiert werden und die Biodiversität erhalten bleiben. Der MUFPP ist unterschrieben – der erste Schritt getan. Mit verschiedenen Projekten versucht Köln tagtäglich die Vereinbarungen einzuhalten und empfohlene Maßnahmen umzusetzen. Eines dieser Projekte ist "die essbare Stadt Köln".

Was zeichnet eine "essbare Stadt" aus?

Auf den Feldern von „Meine Ernte“ und „Gartenglück“ kann man sich ein eigenes Gemüsebeet mieten. © Moritz Haubenreißer

Das Projekt "Essbare Stadt" bedeutet, dass Städte auf ihren Grünflächen Beete anlegen und Gemüse sowie Obst anpflanzen, das von allen gejätet und geerntet werden kann. Die Ziele sind ökologisch, ökonomisch und sozial.

Nachdem weltweit schon in vielen Ländern essbare Städte entstanden sind, gibt es nun auch in Deutschland zahlreiche Städte, die diese Art Projekt umsetzen. Darya Hirsch, Projektleiterin der "Untersuchung zu einem nachhaltigen und resilienten urbanen Ernährungssystem in der Stadt Köln" befürwortet diese Art der urbanen Landwirtschaft: "Natürlich können diese kleinen Gärten nicht das Volk ernähren, jedoch steigern sie die Wertschätzung für regionale Lebensmittel und zeigen, wie man sich gesund ernähren kann." Und das sei auch ein wichtiger Punkt: Die Bewusstseinsbildung der Stadtbewohner für die natürlichen Lebensgrundlagen. Je mehr Menschen sich mit Ernährung beschäftigen, desto eher ändert sich die Einstellung zu Lebensmitteln. Im besten Fall führe dies weg von Fast Food und hin zu natürlichen und regionalen Lebensmitteln. Schon jetzt existieren in Köln und Umgebung viele kleine Selbstversorgergärten und verschiedene Modelle laden dazu ein, sich sein Gemüse selber anzubauen.

Landwirtschaft mitten in der Stadt

Rechts die Straße, links die Bahngleise und auf dem Bürgersteig dazwischen: Ein kleiner Garten, der für alle zugänglich ist. Blumenkübel und Bottiche mit kleinen Bäumen an dessen Früchten sich im Sommer jeder bedienen kann. Urban Gardening.

Dieser Stadtgarten liegt auf einem schmalen Grünstreifen zwischen Straße und Bahngleisen. © Moritz Haubenreißer

In Köln gibt es zahlreiche offene Gärten. Beginnend bei kleinen privaten Projekten, die an vielen Straßenecken, Balkonen und Häuserfassaden zu finden sind, bis hin zu größeren Organisationen. Der Verein Neuland, sowie der Pantaleonsgarten in Köln sind Gemeinschaftsgärten mitten in der Stadt, bei denen jeder mitmachen kann. Neulinge, Hobby-Gärtner sowie erfahrene Garten-Profis tun sich zusammen und gärtnern zusammen.

Gartenglück sowie auch www.meine-ernte.de sind Initiativen in Köln, die eine weitere Möglichkeit des Urban Gardening betreiben. Bei beiden Organisationen kann man sich für eine Saison ein kleines Stück Land mieten, auf dem bereits von einem Profi Gemüse gepflanzt wurde, das man dann nur noch gießen und anschließend ernten muss.

Die "essbare Stadt" ist ein Prozess, bei dem sich jeder beteiligen kann. Organisiert wird dieses Projekt vom Ernährungsrat Köln und der Agora Köln.

Mit Ernährungsräten in die richtige Richtung

Die aktuelle Versorgung schädigt die Umwelt, beschleunigt den Klimawandel und führt zu Missständen in regionalen Landwirtschaftsbetrieben. Dabei besteht das zentrale Problem nicht in der Nahrungsbeschaffung, sondern in der Qualität der Lebensmittel", so Darya Hirsch. Denn Essen ist zahlreich vorhanden, doch meistens wird es von weit weg importiert. Gemüse verbringt mehrere Stunden im Flugzeug bevor es bei uns in den Läden landet. Durch die langen Transportwege wird CO2 ausgestoßen und lokale Bauern leiden, da die Preise immer niedriger werden. Daher wurden in Berlin und Köln bereits Ernährungsräte gegründet. Der Ernährungsrat vernetzt alle Beteiligten: Vom Landwirt bis zum Verbraucher.

So können Ernährungsräte mit ihren lokalen Handlungsoptionen einen Baustein zur Gesamtlösung des Problems beisteuern. Das Ziel ist es, in vielen weiteren Städten Ernährungsräte zu errichten, damit in ganz Deutschland regionaler über das Essen entschieden werden kann. Nachdem in Berlin und Köln der Anfang gemacht wurde, soll auch bald in Bonn ein Ernährungsrat etabliert werden.

Die grüne Technik

Ein weiterer Lösungsweg sind verschiedene technische Innovationen wie "Indoor Farming", "Indoor Aquafarming" oder Häuser mit Dachbegrünung. Die Firma "Farmers Cut" aus Hamburg sowie die Firma "in farm" aus Berlin geben einen Ansatz und zeigen, wie es auch gemacht werden kann. Unabhängig von der Jahreszeit und mit einer guten CO2 Bilanz werden in vertikalen Gewächshäusern, mitten in der Stadt die verschiedensten Gemüsesorten angebaut.

Der exemplarische Kreislauf eines Vertical Farming Hochhauses. © Verena Kamprath

Die Temperatur, die Lichtbedingungen und die Nährstoffe können optimal auf die Pflanzen angepasst werden. Zudem entfallen alle Lieferwege, da sich die Gewächshäuser mitten in den Städten befinden und so das Gemüse regional verkauft werden kann, ohne viel Platz zu benötigen. Auf der Grafik ist so ein exemplarischer Kreislauf eines Vertical Farming Hochhauses zu sehen. Das angebaute Getreide kann als Futtermittel für das Vieh verwendet werden. Das Vieh produziert Düngemittel für die Pflanzen. Reste aus der Schlachtung können als Nahrung für die Fische verwendet werden.

Videointerview mit Projektleiterin Darya Hirsch

Gemeinsam von anderen lernen

Dorothea Hohengarten ist Vorsitzende des Vereins Neuland und Mitglied des Kölner Ernährungsrats im Ausschuss "Urbane Landwirtschaft / Essbare Stadt". Sie weiß, warum Entscheidungen oft lange dauern: "Viele Parteien stecken ihre Köpfe in den Sand". Es sei Aufgabe des Rates, diese Parteien an einen Tisch zu setzen und sie näher zusammen zu bringen. Dabei könne man von anderen Ländern noch viel lernen. Beispielsweise in China oder Afrika gebe es schon vielversprechende Lösungen. "Überall da, wo viele Menschen auf engem Raum leben, müssen Lösungen für diese Probleme gefunden werden".

Auch in Deutschland gibt es Pioniere. Die Stadt Andernach hat bereits vor vier Jahren eine besondere Auszeichnung für ihr Projekt "Andernach – die Essbare Stadt" bekommen.

Das Umdenken beginnt schon im Kindergarten

„Jeder kann mitmachen“ lautet das Motto von vielen urbanen Gärten in Köln. © Moritz Haubenreißer

Mittlerweile bieten die ersten KiTas und Schulmensen in Köln lokales Gemüse an. Einer der vielen Ausschüsse befasst sich mit Ernährungsbildung und Gemeinschaftsverpflegung. "Es ist ganz wichtig, dass Kinder etwas über Ernährung und die Herkunft der Lebensmittel lernen", so Hohengarten. Die Menschen dürften den Bezug zu ihrer Nahrung nicht verlieren. Hohengarten hat einen klaren Wunsch, wie ihre Stadt in zehn Jahren aussehen soll: "Da haben wir in jedem Viertel einen Gemeinschaftsgarten, in den Grundschulen das Fach Ernährung, weniger Fleisch in Mensen und Kantinen und in großen Firmen einen eigenen Firmengarten". Die Menschen heutzutage befinden sich schon im Umschwung. Viele versuchen mittlerweile auf gutes und qualitativ hochwertiges Essen umzusteigen. Billigware finden die Wenigsten gut.

Bildergalerie zum Urban Gardening

Bildergalerie und Teaserbild: Verena Kamprath und Moritz Haubenreißer

Verena Kamprath

Verena Kamprath

Moritz Haubenreißer

Moritz Haubenreißer

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