Eine große Studie im New England Journal of Medicine zeigte bereits 2018, dass der Interleukin-1-Blocker Canakinumab bei Menschen mit autoinflammatorischen Erkrankungen die Zahl der Krankheitsschübe deutlich senken und die Lebensqualität verbessern kann. Aktuelle Auswertungen bestätigen diesen Effekt auch langfristig. // von Khushidip Bhardwaj und Lena Wohlgemuth
IL-1 (Interleukin-1) ist ein körpereigener Botenstoff des Immunsystems. Er sorgt normalerweise dafür, dass Entzündungen bei einer Infektion gestartet werden. Bei autoinflammatorischen Erkrankungen ist dieser Mechanismus jedoch gestört: IL-1 wird immer wieder oder dauerhaft aktiviert – ohne echten Auslöser.
Moderne Medikamente können Menschen mit seltenen autoinflammatorischen Erkrankungen heute deutlich besser helfen als noch vor wenigen Jahren. Sogenannte IL-1-Blocker greifen gezielt in den Entzündungsprozess ein und können wiederkehrende Fieberschübe, Gelenkschmerzen und Hautentzündungen deutlich reduzieren. Trotzdem vergehen bis zur richtigen Diagnose häufig Jahre. Der Grund: Die Erkrankungen sind selten und ihre Symptome ähneln vielen anderen Krankheiten.
Warum IL-1 Erkrankungen auslöst
Für den Rheumatologen und Leiter des Zentrums für Rheumatologie und Immunologie am Universitätsklinikum Erlangen Prof. Dr. Jürgen Rech spielen IL-1- Blocker deshalb eine zentrale Rolle in der Behandlung. Anders als herkömmliche Medikamente setzen sie nicht erst bei den Beschwerden an, sondern greifen direkt in den Entzündungsmechanismus ein. IL-1 steht für Interleukin-1 – einen körpereigenen Botenstoff, der Immunzellen signalisiert, dass eine Entzündungsreaktion gestartet werden soll. Bei gesunden Menschen geschieht das nur bei einer tatsächlichen Gefahr, etwa durch Bakterien oder Viren. Bei autoinflammatorischen Erkrankungen wird IL-1 jedoch dauerhaft oder immer wieder freigesetzt, obwohl gar kein Krankheitserreger vorhanden ist. Die Folge sind wiederkehrende Entzündungsschübe mit Fieber, Hautausschlägen und Gelenkschmerzen.
Wie dieser Prozess entsteht, zeigt das erste interaktive Schaubild:
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Thinglink: Entstehung einer autoinflammatorischen Entzündung, Lena Wohlgemuth
Das Inflammasom als Auslöser
Im Mittelpunkt steht dabei das sogenannte Inflammasom, ein Proteinkomplex innerhalb von Immunzellen wie Makrophagen. Es funktioniert wie ein Schalter des angeborenen Immunsystems. Wird das Inflammasom aktiviert, bildet die Zelle vermehrt IL-1β – eine besonders wirksame Form des Entzündungsbotenstoffs Interleukin-1. Dieses Molekül löst weitere Entzündungsreaktionen aus und verstärkt die Immunantwort. Bei Erkrankungen wie dem Cryopyrin-assoziierten periodischen Syndrom (CAPS) oder dem familiären Mittelmeerfieber (FMF) führen genetische Veränderungen dazu, dass sich das Inflammasom deutlich leichter aktiviert. Schon geringe Auslöser wie Kälte oder Stress können dann eine Entzündung auslösen.
Wie IL-1-Blocker wirken
Genau an diesem Mechanismus setzen moderne Therapien an. Nach Angaben von Jürgen Rech stehen dafür vor allem zwei Medikamente zur Verfügung: Anakinra und Canakinumab. Beide unterbrechen die Wirkung von IL-1, allerdings auf unterschiedliche Weise. Während Anakinra den IL-1-Rezeptor blockiert und verhindert, dass das Signal überhaupt an andere Zellen weitergegeben wird, bindet Canakinumab den Entzündungsbotenstoff IL-1β direkt und neutralisiert ihn bereits im Blut. Dadurch wird die überschießende Entzündungsreaktion gestoppt, bevor sie weitere Immunzellen aktiviert. Die Wirkweise der Medikamente zeigt das zweite interaktive Schaubild.
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Thinglink: Wie IL-1-Blocker Entzündungen hemmen, Lena Wohlgemuth
Beim familiären Mittelmeerfieber kommen IL-1-Blocker allerdings meist erst dann zum Einsatz, wenn die Standardtherapie mit Colchicin nicht ausreichend wirkt. Rech betont, dass etwa 90 Prozent der Betroffenen bereits gut auf Colchicin ansprechen.
Studien bestätigen den Therapieerfolg
Dass dieser Therapieansatz funktioniert, bestätigen auch wissenschaftliche Studien. Eine im New England Journal of Medicine veröffentlichte Untersuchung zeigte bereits 2018, dass Canakinumab bei Patientinnen und Patienten mit CAPS, FMF und weiteren autoinflammatorischen Erkrankungen die Zahl der Krankheitsschübe deutlich verringern und die Lebensqualität verbessern kann. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 beschreibt IL-1β als einen der wichtigsten Entzündungsbotenstoffe des angeborenen Immunsystems und sieht in zielgerichteten IL-1-Therapien einen der bedeutendsten Fortschritte bei der Behandlung autoinflammatorischer Erkrankungen.
Warum die Diagnose oft Jahre dauert
Trotz dieser Fortschritte bleibt die Diagnose schwierig. Humangenetiker Prof. Dr. Oskar Schnappauf erklärt, dass viele Ärztinnen und Ärzte diese seltenen Erkrankungen im Berufsalltag kaum zu Gesicht bekommen. Zudem seien Fieber, Gelenkschmerzen oder Hautausschläge sehr unspezifische Symptome, die zunächst an deutlich häufigere Erkrankungen denken lassen. Einen eindeutigen Blutwert, der CAPS oder andere autoinflammatorische Erkrankungen sicher nachweist, gebe es nicht. Deshalb seien genetische Analysen häufig entscheidend, um krankheitsverursachende Veränderungen – etwa im NLRP3-Gen – zu identifizieren. Nach Einschätzung Schnappaufs könnten moderne Sequenzierverfahren und künftig auch KI-gestützte Auswertungssysteme dabei helfen, solche Erkrankungen früher zu erkennen.
Forschung mit Potenzial über seltene Erkrankungen hinaus
Für Betroffene bedeuten IL-1-Blocker bereits heute einen erheblichen Gewinn an Lebensqualität. Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass ein besseres Verständnis von IL-1 und des Inflammasoms nicht nur Menschen mit seltenen Erkrankungen helfen könnte. Die Erkenntnisse werden inzwischen auch für häufigere entzündliche Erkrankungen wie Rheuma oder neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson untersucht. Damit könnte die Forschung an seltenen Erkrankungen langfristig weit über deren eigentliche Patientengruppe hinaus Bedeutung gewinnen.
Quellen
Literaturverzeichnis
- De Benedetti, F., Gattorno, M., Anton, J. et al. (2018): Canakinumab for the Treatment of Autoinflammatory Recurrent Fever Syndromes. In: The New England
Journal of Medicine, 378(20), S. 1908–1919. - Kuemmerle-Deschner, J. B., Kallinich, T., Henes, J., Kortus-Götze, B., Oommen, P. T., Rech, J. et al. (2024): Long-term safety and effectiveness of canakinumab in patients with monogenic autoinflammatory diseases: results from the interim analysis of the RELIANCE registry. In: RMD Open, 10(1).
- Li, Y., Chen, X. & Zhang, H. (2025): The role of interleukin-1 beta in inflammation and the potential of immune-targeted therapies. In: Pharmacological Research – Reports.
Experteninterviews
- Prof. Dr. Sebastian Schnappauf, Institut für Humangenetik, Universitätsklinikum Bonn. Persönliches Interview, 2025.
- PD Dr. Jürgen Rech, Rheumatologie und Immunologie, Universitätsklinikum Erlangen. Persönliches Interview, 2025.












