Warum E-Gitarren unterschiedlich klingen

Ob Jazz, Pop oder Death Metal, elektrische Gitarren finden in fast jedem musikalischen Genre Verwendung und klingen ganz verschieden. Ein Grund dafür sind die verbauten Tonabnehmer. Technikjournal erklärt die Unterschiede zwischen den beiden verbreiteten Varianten. // Von Max Grigo und Lukas Scheermann

Der Sound einer E-Gitarre kann so verschieden sein wie die Musiker, die sie spielen. Denkt man beispielsweise an das kreischende Intro-Solo von Jimi Hendrix‘ "All Along the Watchtower“ oder die schweren Riffs aus AC/DCs "Hells Bells“ – zwischen diesen Beispielen liegen nicht nur musikalisch, sondern auch soundtechnisch Welten. Und das liegt zumindest teilweise an den verwendeten Gitarren und deren Tonabnehmern.

Selbstverständlich gibt es eine Menge Faktoren, die den Sound einer Gitarre prägen. Entscheidend ist beispielsweise das verwendete Holz respektive die Holzkombination. Einen Einfluss auf den Klang hat es auch, ob Hals und Korpus aus einem Stück bestehen oder der Hals angeschraubt beziehungsweise geleimt ist. Wie der erfahrene Gitarrenbauer Fritz Rössel aus Koblenz erklärt, ist die Maserungsrichtung des Holzes ein wesentlicher Aspekt. Seinen Teil trägt aber auch der Tonabnehmer – oder Pickup – bei. 

Yin und Yang der E-Gitarren 

Es gibt zwei große US-amerikanische Hersteller von E-Gitarren, die sich technisch und klanglich geradezu antithetisch gegenüberstehen: Fender und Gibson. Einer der vielen Unterschiede zwischen den Gitarren der beiden Firmen sind klassischerweise die verbauten Pickups. So setzt Fender häufig auf die sogenannte Single-Coil-Technik, während Gibson seinen Sound  mit der Erfindung der Humbucker-Pickups im Jahr 1957 bis heute definierte. Irgendwann begannen die Grenzen ein wenig zu verschwimmen und auch Fender Stratocasters oder Jazzmasters mit Humbuckern sind verbreitet. Trotzdem werden die Techniken unabdingbar mit den Herstellern verbunden. 

Was man bevorzugt, hängt dabei rein von den persönlichen Präferenzen ab. "Den Sound von Single Coils und Humbuckern kann man nicht miteinander vergleichen beziehungsweise bewerten. Das ist reine Geschmackssache!“, erklärt Gitarrenbauer Rössel. Trotzdem lassen sich die Unterschiede und die Charakteristiken klar abgrenzen. Dass der Pickup den Großteil des Sounds ausmache, ist laut Rössel ein weit verbreiteter Irrglaube. Hier ergänzt er: "Wichtig ist auch die Position, in welcher der Pickup angeordnet ist. Leo Fender ging rein mathematisch an das Thema heran. Daher kann man die Position, in der bei einer Fender Stratocaster die Tonabnehmer liegen, rechnerisch bestimmen.“ 

Der Single Coil 

Grundsätzlich wird von einem Tonabnehmer die mechanische Schwingung der Saite in ein elektrisches Signal umgewandelt. Dieses wird vom Verstärker in erhöhter Lautstärke ausgegeben. Der Pickup macht sich dazu das Prinzip der Induktion zunutze und arbeitet mit Magneten. Eine Unterart des Single Coil ist der P90-Tonabnehmer, der ein ganz eigenes Klangbild abgibt. 

Technische Erklärung

Die Schwingung der Stahlsaite bewirkt eine Veränderung im Magnetfeld des Tonabnehmers, was wiederum zu einem elektrischen Signal führt. Üblicherweise verfügt der Pickup dabei über einen Stabmagneten für jede Saite. Das gesamte Konstrukt wiederum ist von einer elektrischen Spule umwickelt. Da die Richtung der magnetischen Feldlinien senkrecht zur Fließrichtung der Elektronen in der Spule steht, wird bei einer Veränderung des Magnetfeldes ein elektrisches Signal in die Spule induziert. In der Animation ist eine Verdeutlichung des Aufbaus zu sehen.

Explosionsanimation eines Single Coil. Quelle: Lukas Scheermann

Der Humbucker 

Wie man nach der Erfindung des Single Coil feststellte, hatte dieser vor allem ein Problem: seine Anfälligkeit für Störgeräusche. So hat jede nahe gelegene Stromquelle Einfluss auf den Sound des Pickups und führt meist zu einem Brummen. Ein gewisser Grundpegel lässt sich auch heute nur durch Tricks vermeiden. Daher machte man sich in den 1950er Jahren Gedanken über eine neue Technik, die dieses Problem eliminiert. Heraus kam der Humbucker, zu Deutsch etwa "Brummunterdrücker“. Was pragmatisch gedacht war, eröffnete jedoch auch soundtechnisch die Tür zu einer neuen Welt. So haben Humbucker einen anderen Klang und verhalten sich anders als Single Coils. 

Technische Erklärung

Beim Humbucker verwendet man zwei Spulen, die direkt aneinander liegen und in umgekehrter Richtung laufen. Durch diese Phasenverdrehung heben sich etwaige Störgeräusche automatisch durch destruktive Interferenz auf. Außerdem ist die Spannung des Signals, das im Verstärker ankommt, etwa doppelt so groß wie das eines Single Coil.

Eine E-Gitarre im Stratocaster-Style, sowohl mit Humbucker als auch mit Single Coils. Quelle: Lukas Scheermann

Einflüsse auf das Signal

Neben der verwendeten Bauform gibt es laut Gitarrenbauer Rössel einige weitere Faktoren, die für die Qualität und den Output eines Tonabnehmers verantwortlich sind. Messbare Unterschiede fabrizieren das Material der Magneten sowie die Wicklungszahl und Drahtstärke der Spule. Auswirkungen hat es auch, wie die Spule gewickelt ist. Ist die Dichte der Wicklungen beispielsweise eher gering, beginnt der Draht zu schwingen und es kommt schneller zu Rückkopplungen. Dieses Phänomen trat vor allem zu Beginn der maschinellen Fertigung in den 1970er Jahren auf.

Unterschiede im Klang 

Entscheidend für den Gitarristen und den Konsumenten der Musik sind letztlich die Soundeigenarten der verschiedenen Pickups. Allgemein haben Single Coils einen deutlich klareren und eher höhenlastigen Klang. Spielt man eine Single-Coil-Gitarre, hört man häufig die einzelnen Anschläge an den Saiten. Der klassische Humbucker-Sound hingegen ist besonders druckvoll. Vor allem in den mittleren und unteren Bereichen liegen seine Stärken. Durch die höhere Spannung im Signal hat der Gibson-typische Tonabnehmer eine größere Affinität zum Verzerren. Bei gleicher Verstärkung sind Humbucker grundsätzlich lauter und klingen länger – im Fachjargon bezeichnet man letzteres als längeren Sustain. 

Die Gitarristen der Indie-Rock-Band Kraftklub und der instrumentalen Post-Rock-Gruppe Long Distance Calling liefern die Sichtweise von Profis. Steffen Israel von Kraftklub beschreibt den Unterschied so: "Humbucker haben einen breiteren und voluminöseren Sound. Also eher für rockige Powerchords oder für verzerrte Soli wegen dem Sustain.“ Auch Füntmann von Long Distance Calling teilte seine Meinung und Erfahrungen: "Single Coils sind wesentlich drahtiger und schneidiger. Somit sind sie eigentlich auch durchsetzungsfähiger, wobei das natürlich auch auf die Art der Musik ankommt und auf den Rest der Band." 

Florian Füntmann von Long Distance Calling auf der Bühne. Quelle: vollvincent

In der Praxis

Wie Füntmann bestätigt, hängt die Wahl des Pickups häufig mit den musikalischen Gefilden ab, in denen man sich bewegt: "Für Metal und klassischen Rock, speziell im Bereich Rhythmusgitarre, sind eigentlich Humbucker geeigneter, da sie mehr Druck erzeugen. Wenn es um charakteristische Lead- und Clean-Sounds geht, finde ich Single Coils fast interessanter.“ Weiter erklärt er seine eigene Philosophie: "Ich bin niemand, der ewig auf der Suche nach dem perfekten Sound ist. Das ist sowieso eine nie enden wollende Reise. Ich bin da eher pragmatisch: Wenn mir etwas gefällt, lasse ich es so.“

Israel beantwortet die Frage nach der Nutzung folgendermaßen: "Humbucker nehme ich gerne für ein schiebendes Fundament. Wenn es um die stark verzerrten Gitarren geht, tendiere ich eher zu P90-Pickups oder klassischen Single Coils. P90 sind zwar auch Single Coils per Definition, gehen aber, wie ich finde, schon eher Richtung Humbucker vom Vibe her. Bei Kraftklub spiele ich eigentlich nur P90 oder Single Coils.“ Außerdem fügt er hinzu: "Manchmal ist es bei zwei Gitarristen auf der Bühne auch besser, zwei verschiedene Tonabnehmer zu spielen. Ich finde die Wahl der Tonabnehmer und Gitarre macht schon den Grundcharakter aus beim Sound.“

Steffen Israel ist einer der zwei Gitarristen bei Kraftklub. Quelle: Philipp Gladsome

Im Folgenden sind Klangbeispiele zu finden, die mit einer Epiphone Les Paul Studio und einer Squier Stratocaster aufgenommen wurden. Alle Samples wurden mit einem Marshall-MG50DFX-Verstärker mit gleichen Soundeinstellungen, gleicher Lautstärke und unter gleichen Bedingungen eingespielt. Innerhalb der Aufnahmen wird jeweils einmal vom Clean- in den Overdrive-Kanal des Verstärkers gewechselt, um eine größere klangliche Bandbreite abzudecken. Die Beispiele zeigen die Unterschiede zwischen den Pickups und deren Positionen. Am deutlichsten hört man diese Differenzen mit Kopfhörern heraus. 

 

Oben im Bild: Epiphone Les Paul mit zwei Humbuckern, unten im Bild: Squier Stratocaster mit zwei Single Coils und einem Humbucker. Bildquelle: Lukas Scheermann, Audioquelle: Max Grigo, Lukas Scheermann, Niklas True

Berühmte Beispiele 

Single-Coil-Spezialisten aus der populären Musikgeschichte sind zum Beispiel Jimi Hendrix oder Eric Clapton, die häufig mit prägnanten Lead- und Soloparts aufwarten. Als klassische Humbucker-Gitarristen kann man Angus Young von AC/DC oder Slash von Guns’n’Roses bezeichnen. Trotz musikalischer Unterschiede legen beide Wert auf einen druckvollen Klang. Auch Carlos Santana, der sich einen markanten Sound angeeignet hat, spielt Gitarren mit Humbuckern. Diese Liste könnte man beliebig verlängern, doch die Beispiele sollen lediglich helfen, ein Bild der typischen Einsatzgebiete zu vermitteln. Wichtig ist aber auch: Es gibt es keine Regel, welche Gitarre man in welcher Musikrichtung spielt, und kein Besser oder Schlechter. Musik ist Kunst, und in der Kunst ist erlaubt, was gefällt. 

Teaserbild: Eine E-Gitarre mit Humbuckern in Aktion // Quelle: Lukas Scheermann

Die Autoren

Max Grigo

Lukas Scheermann