Virtueller Schutzengel

Pfeffersprays, Trillerpfeife oder Taschenlampe - diese Hilfmittel tragen einige nachts auf dem Nachhauseweg bei sich, um sich vor Angreifern zu schützen. Heute versprechen Apps ein Gefühl von Sicherheit. Technikjournal hat mit den Entwicklern und Nutzern von "Wayguard" gesprochen. // Von Stefan Pscheider

Die von der Versicherung AXA entwickelte App "WayGuard" setzt auf ein Gefühl von Sicherheit, kombiniert mit Präventionstipps. Sie ist die einzige kostenfreie App, bei der Nutzer ein Serviceteam direkt kontaktieren können. "Viele Menschen fühlen sich sicherer, wenn sie jemanden an ihrer Seite wissen, der im Notfall helfen kann", so der App-Mitentwickler Albert Dahmen. Der User verfügt über die Möglichkeit während des Nachhauseweges mit dem Team von "WayGuard" – der professionellen Leitstelle – via App verbunden zu sein und bei Bedarf zu telefonieren. Auf Wunsch können zur virtuellen Begleitung auch persönliche Kontakte wie Freunde und Verwandte hinzugefügt werden, mit denen der User dann ebenfalls über die App chatten oder telefonieren kann. Der Leitstelle stehen die Standortdaten der Person zur Verfügung, um bei einem Notfall schnellstens eingreifen zu können. Dies geschieht durch den integrierten Notfallbutton.

credits: Screenshot - WayGuard

credits: Screenshot - WayGuard

"Unsere Leute sind für kritische Situationen geschult, das heißt, sie wissen wie man in Gefahrensituationen reagieren muss", berichtet Dahmen. Wenn es brenzlig wird, haben Freunde oder Verwandte oft wenig Ahnung, wie man reagiert. Die Ansprechpartner von "WayGuard" wissen Bescheid und stehen dem Anrufer mit Tipps zur Seite. Eine ähnliche Funktion hat die App "Bodyguard" für iOS. Der Anwender löst einen sogenannten "Hilferuf" aus, der an einen gespeicherten Kontakt gesendet wird. Dieser erhält den Standort sowie die Uhrzeit. Auch die Applikation "allfine!" wurde entwickelt, um anhand eines GPS-Signals sehen zu können, wo sich Freunde und Verwandten gerade aufhalten.

Nutzende brauchen mehr als Technik

Die Technik alleine reicht laut Dahmen allerdings nicht aus. Prävention ist gefragt. So sollte sich jeder User bewusst auf den Heimweg vorbereiten. Gemeinsam mit der Polizei in Köln hat das Team der App Vorschläge entwickelt, die den User besser darauf vorbereiten sollen, sicher nach Hause zu kommen. So suchen sich Täter ihre Opfer häufig nach Verhalten und Wirkung aus. Ein selbstbewusstes Auftreten kann schon viel bewirken. Bei einem mulmigen Gefühl sollte man versuchen, sich in der Nähe von Menschengruppen aufzuhalten. Kommen Bedenken auf verfolgt zu werden, rät die App dazu, ein Wohngebäude aufzusuchen und dort zu klingeln.

172 Notrufe landeten bei der Polizei

Es hat in der Vergangenheit Situationen gegeben, in denen die Polizei im Zusammenhang mit der App "WayGuard" alarmiert wurde. Laut Polizeikommissar Philipp Hüwe aus Köln sind von den bundesweit 1193 Notrufen über den "Notruf-Button" (seit 2016), insgesamt 172 Notrufe an die Polizei weitergeleitet worden. Im Monat sind das durchschnittlich drei bis vier Weiterleitungen an die Polizei – bundesweit. "Kommt es zu einer bedrohlichen Situation, versuchen Sie so schnell wie möglich körperlichen Abstand zu gewinnen, je früher desto besser. Vermeiden Sie, auf Provokationen einzugehen", so Hüwe. Diese und weitere Empfehlungen sind hier zu finden. "Sogenannte Begleit-Apps geben dem Nutzer nicht nur ein Gefühl der Sicherheit, sondern tragen aus Sicht der Polizei Köln auch objektiv dazu bei: "Alle Instrumente, die zur Verbesserung der Sicherheit von Bürgerinnen und Bürgern beitragen, begrüßen wir außerordentlich. Die Begleit-Apps stellen aus Sicht der Polizei Köln ein solches Hilfsmittel dar."

Caro* (20) aus Bonn benutzt "WayGuard" seit knapp einem Jahr. Nach einer unangenehmen Situation, die sie spät abends in der Rheinaue erlebte, hat sie sich dazu entschlossen, technische Hilfe in Anspruch zu nehmen. "Ich kann verstehen, warum die App meinen Standort benutzen möchte, finde es aber gut zu wissen, dass dies nur der Fall ist, wenn ich die Applikation geöffnet habe. Wenn ich die App schließe, möchte ich das aber nicht mehr. Ansonsten finde ich die Anwendung einfach und gut überschaubar",  so die Studentin. Auch die App "KommGutHeim" arbeitet mit der Standort-Lokalisierung. Der Standort kann mit ausgewählten Kontakten geteilt werden. Diese sehen somit, wann der Nutzer den Nachhauseweg antritt und wann er das Ziel erreicht hat. Ein Notruf-Button, der den Nutzer mit einer Leitstelle verbindet, steht dem Nutzer bei dieser App nicht zur Verfügung.

Joggen mit Notrufknopf

Zusätzlich zur App lässt sich "WayGuard" mit sogenannten Smart Devices koppeln. Diese Geräte sind dann in der Lage, Gefahrensituationen zu erkennen und den Notrufprozess einzuleiten. Ein Beispiel wäre die Fahrradrückleuchte "LightGuard connect" mit eingebauter Crash-Sensorik: Bei einem Fahrradsturz ist dieses Gerät durch Bluetooth-Kopplung mit der App fähig, durch Kontaktieren der Leitstelle, den Notruf-Prozess zu starten. Ein anderes Beispiel ist der "Flic Button", der besonders dann hilfreich ist, wenn man – wie zum Beispiel beim Joggen – sein Smartphone nicht ständig zur Hand hat. Der kleine Bluetooth-Knopf lässt sich an der Kleidung befestigen und kann in Verbindung mit der "WayGuard"-App bei Doppelklick die Leitstelle kontaktieren, die einen Notruf einleiten kann. "Technik alleine ist aber nicht das Allheilmittel. Erst das Zusammenspiel von Technik und Mensch, der im Notfall Kontakt aufnimmt und die Situation klärt, macht den Unterschied aus", so der App-Entwickler.

Smarte Devices brauchen Schmalbandnetze

Zukünftig sollen mehr smarte Devices mit "WayGuard" gekoppelt werden können. Hierbei spielen zukünftig Schmalbandnetze (wie das Narrow-Band) eine relevante Rolle, um das Internet der Dinge (IoT) auch für die smarten Devices zu gewährleisten. Möglich gemacht wird dies durch bessere Übertragungstechnik wie 5G und einheitliche Standards (3GPP), deren Abdeckung großflächig ausfällt. Die Wellen schaffen es zudem, massive und komplizierte Bauten zu durchdringen. Sind die Geräte schließlich online, fällt der Datenverkehr dennoch gering aus. In Kombination mit einem GPS Sender ist eine Übertragung der Positionsdaten möglich. "Neben der Anbindung von weiteren smarten Devices werden wir die Begleit- und Notruffunktion im Fokus behalten und auf eine gute User-Experience achten. Unsere Nutzer schätzen die Einfachheit von WayGuard. Nur weil manches technisch möglich ist, versuchen wir nicht zwingend jedes Feature einzubauen", so Dahmen.

Eine App, die einem bei dem Nachhauseweg im Dunkeln ein sicheres Gefühl gibt, das versprechen Sicherheits-Apps wie "WayGuard", Quelle: Pscheider

Technik hat ihre Grenzen

Vanessa* (20) aus Würzburg studiert in Wien und hat "WayGuard" eine Zeit lang ausprobiert. "Ich brauche die App logischerweise nachts. Das Problem ist aber, dass ich den ganzen Tag unterwegs bin und auch so gut wie nie eine Power-Bank mit mir herumtrage. Der Akku reichte am Ende des Tages einfach nicht aus, da die App sehr viel Akku schluckt. Ich finde das Konzept gut, für mich ist das aber leider nicht das Richtige. Ich bemühe mich abends nun immer mit meinen Studienkolleginnen unterwegs zu sein", berichtet sie. Ist der Akku leer, kommt auch die App an ihre Grenzen. Dasselbe gilt, wenn man die App nicht geöffnet hat. Auch Vanessas Mitbewohner Simon* (20) hat die App ausprobiert und kommt zu einem Entschluss: "Ich kann mir vorstellen, dass die App vielen Personen helfen kann, wenn es darum geht ein sicheres Gefühl zu bekommen. Ich würde zum Beispiel meiner Freundin oder Schwester zur Seite stehen und sie durch die App nach Hause begleiten. Für mich persönlich wäre die App aber nicht notwendig."

Subjektives Sicherheitsempfinden schwindet

Laut einer Studie (2017) von Infratest dimap im Auftrag des WDR zum Sicherheitsempfinden in Nordrhein-Westfalen, fühlen sich 33 Prozent der Frauen sowie 22 Prozent der Männer im öffentlichen Raum unsicher. Die 73-jährige Gudrun* aus Bonn hat zum Thema Sicherheit in der Öffentlichkeit folgende Ansicht: "Fernsehen, Radio, Internet, das hatten wir damals kaum. Zumindest nicht in dem Ausmaß, wie wir es heute vorfinden. Informationen und vor allem schlechte Nachrichten haben sich nicht so schnell verbreitet wie heute. Ich bin der Meinung, dass Technik sehr viel dazu beiträgt, dass Menschen heutzutage mehr Angst empfinden als damals. Alles in allem habe ich früher nicht darüber nachgedacht, dass mir nachts beim Nachhauseweg etwas passieren könnte. Da hatte ich immer ein unbeschwertes Gefühl."

*Anmerkung der Redaktion: Nachnamen wurden auf Wunsch, auch im Hinblick auf Sicherheitsapskete, weggelassen.

Teaserbild: Eine App für das Smartphone verspricht ein Gefühl der Sicherheit. Quelle: Stefan Pscheider

 

 

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