Auf diesem Bild bedient Frau Mack ihre Lupe um einen Text zu lesen. Mit ihrer Lupe muss sie sehr nah an ihren Text heran.

Digitale Lesehilfe - Lupe 2.0?

Für 350.000 Menschen in Deutschland ist ein alltägliches Leben kaum möglich: Sie leiden unter einer schweren Sehbehinderung. Schon das Lesen eines Busfahrplans oder Straßenschilds wird für sie zu einem echten Problem. Digitale Lesehilfen sollen den Alltag erleichtern. Doch sind sie wirklich effektiv?// Von Björn Pahlke

Eine vertraute Verpackung. Die Pillen fühlen sich wie jede andere an. Das Papier raschelt. Was steht da? Nur verschwommene Begriffe. Welche Medikamente nehme ich jetzt? Das sind Gedanken, die Gertraud Mack jeden Morgen durch den Kopf schießen, wenn sie ihre Medikamente nehmen will. Die 87-Jährige leidet an altersbedingter Makula-Degeneration (AMD) und hat Katarakt (Grauer Star). Sie besitzt eine Sehfähigkeit von gerade einmal fünf Prozent. Packungsbeilagen mit Informationen zu den Medikamenten kann sie selbst mit Lupen kaum entziffern. Alltägliche Aufgaben wie diese stellen sie immer wieder vor große Herausforderungen, denn es mangelt ihr an den richtigen Hilfsmitteln.

Ein normaler Alltag trotz Sehbehinderung?

Sollte Gertraud Mack die falschen Medikamente in falschen Dosen einnehmen, kann das sehr gefährlich werden. Doch nicht nur solche Aufgaben machen es ihr schwer. Das Lesen von Busfahrplänen, wichtigen Dokumenten oder der Zeitung werden für sie regelmäßig zu großen Problemen. Ihr Mann hilft ihr zwar oft, wenn sie nicht mehr weiterkommt, doch auch er kann nicht immer vor Ort sein. Hier stellt sich also eine grundlegende Frage: Wie kann man einer 87-jährigen Frau mit einer gravierenden Sehbehinderung helfen, den Alltag so unkompliziert wie möglich zu gestalten? Eine Lösung könnten digitale Lesehilfen sein.

Frau Mack testet die digitalen Lesehilfe, wobei ihr Mann sie unterstützt

Frau Mack testet die digitale Lesehilfe und ihr Mann unterstützt sie dabei. // Quelle: Björn Pahlke

Die verschiedenen Lesehilfen

Lesehilfen sind eine große Unterstützung für Menschen mit Sehbehinderung. Besonders geeignet sind Lesehilfen für Menschen mit Alterssehschwäche, Augenkrankheiten (z.B. Grüner oder Grauer Star), Augenverletzungen oder Erkrankungen der Netzhaut (z.B. Makuladegeneration). Sie ermöglichen den Betroffenen wieder in einer Zeitschrift zu blättern, zu lesen oder ein Preisschild zu entziffern.

Die klassischen Lesehilfen

Brillen sorgen für einen Ausgleich der Dioptrien, also der Maßeinheit für die Brechkraft eines optischen Systems. Lesehilfen gleichen diese nicht aus und können somit nicht als Brillenersatz fungieren. Vielmehr sorgen Lesehilfen dafür, dass bestimmte Ausschnitte vergrößert werden. Es gibt sie in den verschiedensten Ausführungen, zum Beispiel klassische Lupen mit LED. Sie können Objekte zwei- bis vierfach vergrößern und ein LED-Licht sorgt für eine gute Lesbarkeit im Dunkeln oder bei Dämmerung. Diese Lupen sind klein und damit ideal für unterwegs. Eine Leselupe mit Klappständer und Umhängeband ist größer als eine klassische Lupe. Allerdings können sie durch das Umhängeband mitgenommen werden und über einen Text gelegt werden.

Tischlupe und Vorsatzlupe für jede Brillenart

Eine Tischlupe mit Standfuß hat einen großen Vorteil, denn man kann die Lupe problemlos auf einen Tisch stellen und sowohl den Standfuß als auch die LED-Lampe flexibel einrichten. Somit sind die Hände frei und der Überblick bleibt erhalten. Eine weitere Variante sind Vorsatzlupen für alle Brillentypen. Mit einer integrierten Klemme können diese Lesehilfen an jeder Brille befestigt werden und freihändig bewegt werden. Die Vorsatzlupen eignen sich für Menschen, die nur ab und zu eine Lesehilfe benötigen.

Es gibt sehr viele Ausführungen von Lesehilfen. Hier finden Sie eine kleine Übersicht. // Quelle: Picclick und Verband Pflegehilfe

Warum digitale Lesehilfen?

Die bisher vorgestellten Lesehilfen sind zwar hilfreich, doch bei Menschen mit einer Sehkraft von weniger als 30 Prozent haben sie nur einen minimalen Effekt. Es gibt daher einige Modelle von digitalen Lesehilfen, die mit verschiedenen Funktionen ausgestattet sind. Augenoptikerin Sabine Höfner berät seit einigen Jahren Menschen mit Sehbehinderung und rät häufig zu digitalen Lesehilfen. Allerdings sei es oft schwer Menschen davon zu überzeugen, was an der geringen Auswahl läge. "Erst seit ein paar Wochen haben wir eine neue digitale Lesehilfe. Diese ist größer und deutlich hochwertiger als die bisherigen Modelle", erklärt Sabine Höfner. Bei vielen Optikern ist es für Menschen mit Sehbehinderung möglich, Lesehilfen zu testen. Der Test ist sehr wichtig, denn nicht für jeden sind digitale Lesehilfen geeignet.

Keine Lupe kann aktuell helfen

Auch Gertraud Mack hat sich bei Sabine Höfner erkundigt und bereits einige Lesehilfen besorgt. Sie besitzt eine Lupe mit LED, eine Vorsatzlupe für die Brille und eine riesige Tischlupe mit Standfuß. "Wirklich helfen kann mir aber keine meiner Sehhilfen. Es dauert sehr lange bis ich einen Satz entziffert habe", erklärt sie ihre Lage. Sie hat jetzt allerdings in digitalen Lesehilfen eine mögliche Lösung gefunden und testete diese bei einem Besuch. Von ihren Kindern habe sie bereits eine kleine digitale Lesehilfe erhalten, mit der sie aber überfordert sei. "Mir wird schlecht, wenn ich die digitale Lesehilfe bediene. Die klassische Lupe ist da schon praktischer. Mit ihr bin ich auch geübter!", so Mack. Eine neue digitale Lesehilfe in der Größe eines Tablets sieht sie am Tag des Besuches zum ersten Mal. Dennoch versucht sich die Rentnerin an dem neuen Gerät.

So funktioniert eine digitale Lesehilfe

Was unterscheidet digitale Lesehilfen von anderen Sehhilfen? Zunächst arbeiten sie mit einem eigenen Bildschirm, auf dem der Text, der unter der Lupe liegt, abgebildet wird. Dieser Text lässt sich bis zu 32-fach vergrößern. Außerdem lassen sich das Display und der Farbmodus nach Belieben einstellen. Besonders die Farbkontrastfunktion ist dabei wichtig, denn das Auge ist individuell bei bestimmten Farbkontrasten am effektivsten. Die digitale Lesehilfe wiegt zwar deutlich mehr als eine klassische Lupe, dennoch ist sie durch ihre Größe ideal für unterwegs. Außerdem gibt es fast keine Reflexion. Dadurch kann eine digitale Lesehilfe durch ein scharfes und qualitativ hochwertiges Bild überzeugen.

Selbst mit der Lupe muss die Rentnerin Gertraud Mack sehr nah an den Text heran. // Quelle: Björn Pahlke

Sind digitale Lesehilfen eine sinnvolle Lösung?

Die Rentnerin aus Meerbusch legt die digitale Lesehilfe über ein Rezept ihrer Medikamente. Sie schaltet das Gerät ein und ist zunächst überrascht: "Das Bild ist sehr groß und sehr deutlich. Ich erkenne ja wirklich was". Zuerst müssen ihr die verschiedenen Knöpfe und Funktionen der Lesehilfe erklärt werden. Da sie die Knöpfe nicht erkennen kann, müssen die Hände erst einmal an die Lesehilfe geführt werden. Allerdings ist die Navigierung nicht ganz simpel, wenn man mit dem Gerät nicht vertraut ist. Sehr ungestüm klickt Mack an dem Gerät herum. Dennoch schafft sie es, sich durch den Text zu navigieren. Sie versucht den Kopf auf Abstand von dem Gerät zu halten. Auch wenn es einige Zeit dauert, schafft sie es mit dem Gerät zwei Zeilen zu lesen. "Das ist eine super Hilfe. Mit einiger Übung könnte ich mir durchaus vorstellen, diese Lesehilfe öfter zu benutzen!" Besonders schwärmt sie von dem klaren Bild: "Hier wird mir nicht schwindelig, weil das Bild nicht so sehr wackelt."

In diesem Video werden die Funktionen einer digitalen Lesehilfe gezeigt. Hier am Beispiel eines Visolux der Firma Eschenbach. // Quelle: Björn Pahlke

Höhepunkt der Sehleistung im Jugendalter

Da sich eine digitale Lesehilfe nicht für jeden Menschen eignet, stellt sich die Frage: Für wen sind sie ideal? Zunächst sollte bedacht werden, dass die Sehfähigkeit des Auges mit dem Alter abnimmt. Bereits im Jugendalter überschreiten wir den Zenit unserer Sehleistung. Bemerkbar macht sich der Leistungsverlust ab dem 40. Lebensjahr, denn dann lässt die Elastizität der Augenlinse nach. Durch die Elastizität lassen sich sowohl weite als auch nahe Gegenstände erkennen. Diese Funktion nennt man Akkommodation. Wenn die Akkommodation nachlässt, rückt der Nahpunkt, der Punkt, an dem wir bei minimaler Distanz scharf sehen können, in die Ferne. Das sorgt dafür, dass der Vergrößerungsbedarf zunimmt. Eine digitale Lesehilfe soll das ausgleichen.

Ohne Vergrößerungsbedarf keine Lesehilfe

"Es ist unbedingt notwendig einmal im Jahr zum Augenarzt zu gehen, um die Sehschärfe kontrollieren zu lassen. Erst wenn der Vergrößerungsbedarf bekannt ist, können Optiker helfen", erklärt Optikermeisterin Sabine Höfner. Wenn die Sehschärfe (VisusCC) nachlässt, kann der Visusabfall durch eine Vergrößerung der Netzhautbilder ausgeglichen werden. Der Vergrößerungsbedarf lässt sich durch den Quotienten aus Visusbedarf für eine bestimmte Sehaufgabe (siehe Abbildung) und der noch vorhandenen Sehschärfe berechnen. Erst wenn diese Werte berechnet werden, kann ein Augenarzt oder Optiker eine Empfehlung für eine digitale Lesehilfe aussprechen. "Ab einem Vergrößerungsbedarf von sechs würde ich jedem eine digitale Lesehilfe empfehlen", so Höfner.

Für verschiedene Sehaufgaben ist ein bestimmter Visusbedarf notwendig. Dies ist der minimale Wert der Sehschärfe, die für eine bestimmte Aufgabe benötigt wird. // Quelle: Björn Pahlke und Hintergrundbild von analogicus auf Pixabay

Das Problem der digitalen Lesehilfen

Doch nicht jeder kann sofort auf eine digitale Lesehilfe zugreifen. Sie sind nämlich sehr teuer. Es gibt zwar digitale Lesehilfe bereits ab einem Preis von 65 Euro, doch diese Geräte haben längst nicht alle Funktionen. Die Geräte, die eine sehr hohe Vergrößerung zulassen, starten bei einem Preis von circa 1000 Euro. Krankenkassen übernehmen die Kosten erst ab einem Vergrößerungsbedarf von sechs und einer Sehschärfe von 0,1 was gleichzeitig bedeutet, dass man sich im Freien nicht optimal orientieren kann. Stefanie Mermet gehört zum Deutschen Blinden- und Sehbehinderten Verein e.V. (DBSV). Sie empfindet die Voraussetzungen als zu hart: "Ich liege deutlich über diesem Wert und selbst für mich reicht eine Vergrößerung zum Beispiel auf dem Smartphone oft nicht aus. Eine digitale Lesehilfe sollte schon bei einem kleineren Vergrößerungsbedarf angeboten werden".

Ein barrierefreies Leben für Sehbehinderte

In einer Stellungnahme zum Referentenentwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Heil- und Hilfsmittelversorgung (Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz – HHVG) fordert der DBSV Menschen mit Sehbehinderung, ein barrierefreies Alltagsleben zu ermöglichen. Dort heißt es, die aktuelle Gesetzeslage habe zur Konsequenz, dass Menschen mit einer geringen Sehleistung erhebliche Einschränkungen im Alltagsleben hätten. Als Voraussetzung für den Anspruch auf Zuschüsse soll ein hoher Grad der funktionellen Beeinträchtigung ohne Korrektur ausreichend sein.

Digitale Lesehilfen sind oft gebraucht

Ein weiteres Problem seien die Lesehilfen, die die Krankenkassen anbieten. Denn eine Krankenkasse erstatte nur digitale Lesehilfen von Firmen, die in Kooperation mit ihr stehen. Außerdem seien diese Lesehilfen meist schon gebrauchte Modelle, sodass man nicht unbedingt an die neuste Technik gelange. Gertraud Mack spricht da aus eigener Erfahrung: "Wenn ich eine Lesehilfe von der Krankenkasse in Anspruch nehme, wurde diese schon von jemandem benutzt. Wenn ich dann irgendwann tot bin, bekommt sie jemand anders. Das stört nicht nur mich."

Neue Technik schreckt ab

Oft wissen die Personen zusätzlich zu wenig über Lesehilfen. "Die Menschen, die Lesehilfen benötigen sind meist alt und kennen sich mit der neusten Technik nicht aus. Hier muss für mehr Transparenz gesorgt werden", erklärt auch Sabine Höfner. Viele Menschen in hohem Alter würden von der neusten Technik abgeschreckt und wüssten nicht viel damit anzufangen. Wenn sie dann aber mal eine ausprobieren, wäre der Großteil überzeugt von den Modellen. Menschen mit Sehbehinderung sollten sich viel mehr mit Augenärzten, Optikern und Krankenkassen auseinandersetzen. Genauso gelte das aber auch anders herum, damit die digitalen Sehhilfen an Bekanntheit gewinnen können.

Wie sind digitale Lesehilfen abschließend zu bewerten?

Für Gertraud Mack, eine Frau mit einer restlichen Sehfähigkeit von fünf Prozent, war die Erkenntnis über digitale Lesehilfen sehr erhellend. Sie habe ein ähnliches Gerät noch nie gesehen und sei überzeugt, dass sie mit ein wenig Übung von der Lesehilfe profitieren könne. So sollte es auch anderen Menschen mit Sehbehinderung ergehen, die zu wenig von Sehhilfen wüssten. Die Krankenkassen und Lesehilfen-Hersteller sollten öfter an die betroffenen Menschen herantreten, denn so könne jeder Beteiligte mehr aus den digitalen Lesehilfen gewinnen. Auch die Regierung sollte eine Gesetzesanpassung in Betracht ziehen, denn hier scheinen die Regelungen noch nicht ausgereift zu sein.

Digitale Lesehilfen ersparen Ärger

Menschen wie die 87-jährige Gertraud Mack können durch ihre geringe Sehkraft in Gefahr geraten. So geschieht es beinahe jeden Tag, wenn sie versucht ihre Medikamente zu nehmen oder einen Busfahrplan liest. Sicher, sie kommt mit Hilfe ihres Mannes und sehr viel Mühe oft zu ihrem Ziel. Doch mit einer besseren Ausstattung, in Form von digitalen Lesehilfen, würde sich ihr Leben sehr vereinfachen. Ihr würde sehr viel Ärger erspart bleiben.

Teaserbild: Frau Mack besitzt eine Sehkraft von nur fünf Prozent. Selbst mit der Lupe muss sie sehr nah an einen Text heran, um etwas zu erkennen // Quelle: Björn Pahlke

Der Autor

Björn-Lukas Pahlke

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