Das Ende des Einweg-Plastiks

Bundesumweltministerin Svenja Schulze hat Ende November einen Fünf-Punkte-Plan für weniger Plastik und mehr Recycling vorgestellt. Damit reagiert sie unter anderem auf den Vorstoß der EU, das Plastik-Problem in den Griff zu bekommen. Dazu zählen höhere Recyclingquoten und Verbote von Wattestäbchen und Co. Was fordert die EU genau und gibt es überhaupt schon Verfahren, die dies möglich machen könnten?//Von Anna Grommes und Antonia Lehmann

 

Besteck und Luftballonhalterungen sind ebenfalls Teil der Neuregelung. Die Herstellung soll mit anderen Materialien erfolgen. Bis 2019 plant die Bundesregierung die Vorgaben der EU umzusetzen, das steht bereits im ersten Punkt von Schulzes Plan.

Deutschland - Recyclingmeister?

Zwar produzieren die Deutschen mit 30 bis 50 Kilogramm pro Kopf und Jahr so viel Verpackungsmüll wie kein anderes Land, die offiziellen Recyclingquoten liegen jedoch bei 66 Prozent. Tatsächlich schätzen Experten die Recyclingquote auf 30 bis 40 Prozent. Denn auch der nach China gelieferte Plastikmüll zählte bisher als recycelt. Deutschland allein lieferte 760.000 Tonnen Plastikmüll jährlich nach China. Seit Anfang des Jahres hat die Regierung in Peking die Importe von Müll aus Europa jedoch beendet.

Wohin mit dem Müll?

Nun ist es die Aufgabe Deutschlands und anderer EU-Staaten, diese Mengen an Plastikmüll im eigenen Land zu recyceln. Derzeit schwanken die Zahlen von tatsächlich recyceltem Plastik weltweit zwischen 12 und 15 Prozent. In der EU sind es 30 Prozent. Auch in Schulzes Fünf-Punkte-Plan stehen höhere Recycling-Quoten auf der Agenda. Punkt drei ihres Plans beinhaltet die Erhörung der Recycling-Quoten bis 2022 auf 63 Prozent. Doch ist das mit dem technischen Stand von heute überhaupt möglich?
"Es erfordert höhere Investitionen in entsprechenden Sortieranlagen. Nur vier von 127 Anlagen für die Gewerbeabfallsortierung sind überhaupt geeignet, um solche Recyclingquoten zu erfüllen", so Michael Schneider, Pressesprecher des Entsorgungsunternehmens Remondis. Remondis gehört zu den größten privaten Dienstleistern weltweit im Bereich Recycling und Wasserwirtschaft.

Es muss besser sortiert werden

Schneider spricht auch an, dass die Vorsortierung besser laufen müsse und innerhalb der Entsorgungsanlagen mehr Sortierstufen benötigt würden. Dort könnten die Bürger helfen, indem sie ihren Müll richtig trennen. Derzeit ist etwa 50 Prozent des Verpackungsmülls falsch einsortiert und gehört eigentlich in eine andere Tonne. Das sind dann Materialien, die nicht recycelt werden können und die den Recyclingprozess verlangsamen. Daher beinhaltet Punkt vier des Maßnahmenpakets von Svenja Schulze auch die Aufklärung über die richtige Nutzung der Biotonne. Selbst wenn der Hausmüll richtig sortiert wird, sind die Verpackungen selbst oft noch beschichtet und somit nicht sortenrein. Christopher Schirrmeister, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und Forscher im Bereich der Nachhaltigkeit in der Werkstoff- und Energietechnik, sieht vor allem in der Sortenreinheit das Kernproblem der hohen Recyclings-Quote.

Recycling heute

Zurzeit trennen Sortieranlagen den Kunststoffmüll durch den Einsatz unterschiedlicher physikalischer Verfahren. Siebtrommeln teilen den Müll erst in große und kleine Verpackungen ein. Dann entfernt ein Überbandmagnet die Weißblechdosen aus dem Müll. Ein Wirbelstromschneider sorgt dafür, dass ein Magnet unter dem Band Aludosen und -tuben abstößt und so in einem separaten Behälter sammelt. Das reflektierende Lichtspektrum erkennt noch übrig gebliebene Verpackungsmaterialen und bläst diese aus.

Recyclat-Initiative als Alternative?

Das Unternehmen "Frosch“ geht mit ihrer "Recyclat-Initiative" einen Schritt weiter. Die sortenreinen PET-Verpackungen werden zuerst geschreddert und gewaschen. Die geschredderten Stücke werden mit einem Laser farblich sortiert und ausgeblasen. Dadurch entsteht ein farblich reines Granulat, das sogenannte "Recyclat". Dieses ist Grundlage für neue, hochwertige Plastikprodukte. Bisher war dies nicht möglich, da das Granulat zwar sortenrein aber nicht farblich rein war. Dadurch blieben nur begrenzte Verwendungsmöglichkeiten für das Granulat aus Verpackungsmüll. Mit dem neuen Verfahren ist es möglich auch durchsichtige Verpackungen herzustellen. Auch das Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung beschäftigt sich mit dem Herauslösen bestimmter Kunststofftypen wie dem Polyethylen. Die Forscher setzen ebenfalls auf die Gewinnung eines hochwertigen Granulats, aus dem nicht nur minderwertige Plastikprodukte wie Gießkannen hergestellt werden können, sondern wieder neue Verpackungsmaterialien - dies berichtete unter anderem das ZDF.

Fünf Stufen sind derzeit Standard in der Recycling-Industrie. Um die hohen Recycling-Quoten zu erreichen, müssen jedoch circa acht bis zehn Stufen der Trennung eingeführt werden. Diese zu entwickeln und zu installieren ist eine Preisfrage. "Es ist schnell geschrieben‚ wir erhöhen jetzt die Recycling- Quoten", bemerkt Schneider und ergänzt,  "aber es ist eben deutlich schwerer umgesetzt."

Nur vier von 127 Recycling Anlagen enstprechen den modernen Anforderungen. Quelle: Antonia Lehmann, Michael Schneider

Aus Plastik wird wieder Rohöl

Der österreichische Energiekonzern OMV (früher: österreichische Mineralverwaltung) setzt an einem anderen Punkt an. Sie haben ein Verfahren entwickelt, um aus Plastikabfällen Rohöl zu gewinnen. Dickwandige Plastikverpackungen werden durch Hitze- und Druckeinwirkung zu synthetischem Rohöl.

Um aus Kunststoff wieder Rohöl zu gewinnen, erhitzt man den Kunststoff auf über 400 Grad. Durch die Zerkleinerung der Kunststoffmolekülketten entsteht synthetisches Rohöl. Um den Kunststoff, der ein schlechter Wärmeleiter ist, auf diese Temperatur zu bringen, setzt man ein flüssiges Lösungsmittel ein. Dieses befindet sich in einem Kreislauf und ist bereits bei der Vermischung mit dem Kunststoff heiß. So unterstützt es das Erhitzen und erhöht die Wärmeleitfähigkeit. Gleichzeitig senkt es die benötigte Energie zum Erwärmen. Ebenso verflüssigt sich das sonst zähfließende Rohöl und erleichtert den Transport durch die Röhren der Anlage.
Dabei entstehen 45 Prozent weniger Treibhausgase als bei der Gewinnung von gewöhnlichem Rohöl. Damit gewinnt man rund 100 Liter Rohöl pro Stunde aus Verpackungsmüll. So lässt sich auch auf langfristige Sicht die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verringern.

Der wirtschaftliche Nutzen des Verfahrens ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar. Derzeit wird eine "ReOil"-Anlage in der Raffinerie Schwechat gebaut. Jedoch bereitet die Einbringung des Plastiks den Forschern noch Probleme. Geplant ist aber eine Anlage, die 2000 Kilogramm Altkunststoff in der Stunde verarbeitet.

Plastik landet in der menschlichen Nahrungskette

Hintergrund des Richtlinienentwurfs ist vor allem die Schädigung der Umwelt durch Plastik. Zwei Millionen Tonnen Müll landen seit 1991 jährlich im gelben Sack. In den letzten 25 Jahren hat sich der Abfall für Heißgetränke versechsfacht und der Abfall von Plastikbesteck hat sich verdoppelt. Problematisch ist, dass sich Plastik nicht abbaut, sondern lediglich kleiner wird. Eine Millionen Seevögel und 100.000 Meeressäuger (Stand 2016) verenden jährlich an den fünf bis zwölf Tonnen Plastik, die die Ozeane verschmutzen. Durch Fische und Muscheln, die Mikroplastik aufnehmen, landet das Plastik in der menschlichen Nahrungskette. Im Oktober 2018 wurde erstmals Mikroplastik im menschlichen Körper nachgewiesen. Auch Kosmetika enthält oft Mikroplastik und verschärft somit das Problem. Die Bundesregierung möchte daher bis 2020 Mikroplastik in Kosmetika stoppen.  Für den Kampf gegen den Müll im Meer soll zudem 50 Millionen im Bundeshaushalt 2019 zur Verfügung gestellt werden - besagt der letzte Punkt des Fünf-Punkte-Papiers.

 Bundesumweltministerin Svenja Schulze stellt ihren fünf-Punkte-Plan vor. Quelle: BMU/Sascha Hilgers

Bundesumweltministerin Svenja Schulze stellt ihren fünf-Punkte-Plan vor. Quelle: BMU/Sascha Hilgers

Richtlinienentwurf ist kein Ende des Problems

Viele begrüßen die neuen EU-Richtlinien, so auch Remondis. Ob die Richtlinien ausreichen um das Plastikproblem unserer Welt zu lösen, wird kritisch betrachtet. "Es ist nicht damit getan, Wattestäbchen zu verbieten", äußert sich Schneider dazu.
Auch der Naturschutzbund Deutschland (NABU) sieht mit dem Richtlinienentwurf kein Ende des Problems. Jedoch ist das geplante Verkaufsverbot auch für sie ein wichtiger erster Schritt für den Meeres- und Umweltschutz. Die Gefahr besteht aber vor allem in der fehlenden Abgrenzung des Entwurfs. NABU-Konsumexpertin Katharina Istel warnt, dass vor allem die Gastronomiebranche die zukünftigen Verbote umgehen könne: "Die Umstellung von beispielsweise Einweg-Tellern zu Einweg-Boxen wäre kontraproduktiv. Letztere sollen nicht verboten werden und könnten somit die Müllberge sogar steigern." Da die Boxen sogar noch mehr Müll produzieren als die Teller.

Auch hiermit hat sich die Bundesumweltministerin in ihrem Plan in Punkt zwei beschäftigt: Umweltfreundlichere Verpackungen und Produkte sollen sich für die Hersteller auch finanziell lohnen. Recycelte Verpackungen sollen die Produzenten bei der Mülltrennung weniger Gebühren kosten.

Der Fokus muss auf Mehrweg liegen

NABU fordert auch mehr Übernahme von Verantwortung der Produzenten von Plastikprodukten. "Diejenigen, die an der Umweltverschmutzung durch Einweg verdienen, müssen viel stärker in die finanzielle Verantwortung für Prävention und Reinigung genommen werden", so Istel.

Eine Plastikproduktion von etwa zwölf Milliarden Tonnen wird bis 2050 erwartet. Damit gäbe es dreimal mehr Plastik als Tiere im Meer.
Naturschützer hoffen darauf, dass in Zukunft Mehrweg den größeren Marktanteil stellt. So sollen sowohl an der Frischetheke im Einkaufsladen, als auch an der Kaffeebar eigene Gefäße erlaubt sein. Auch ein Mehrweg-Gebot in der Gastronomie und bei öffentlichen Veranstaltungen ist in den Augen NABUs und anderer Naturschützer in der Zukunft möglich.

Die Autoren

Autorenfoto von Anna Grommes

Anna Grommes

Autorenfoto von Antonia Lehmann

Antonia Lehmann

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