Auf Testgeländen wird das Cobra-System an üblichen Wandteilen erprobt. Foto: Josef Dehling

Feuerwehreinsatz mit Cobra

Es ähnelt einem normalen Transporter, aber das Vorauslöschfahrzeug Cobra besitzt eine ganz eigene Superkraft: Sein Löschwasser enthält ein Schneidmittel, das es ihm ermöglicht, Wände zu durchdringen. Seit dem 19. Juli ist es in Königswinter im Einsatz. // Von Nicole Brodzicz und Anja Häsel

08.08.2017//Wenn es brennt, dann steht das Vorauslöschfahrzeug Cobra ganz vorne. Die Einsatzkräfte der Feuerwehr halten die Wasserstrahl-Lanze in ihrer Position: Von außen wird sie gegen die Wand gedrückt und schon nach kurzer Zeit dringt das Löschwasser ins Innere. Ein kleines Loch ist entstanden. Was diese Technik möglich macht? Ein Schneidmittel.

Ursprünglich war das in Schweden entwickelte Cobra-System auf die Brandbekämpfung in Schiffsräumen ausgelegt. Container und Maschinenräume müssen damit zur Löschung eines Feuers nicht mehr betreten werden. Aber das System, auf das die Firma Cold Cut Systems seit 2002 ein Patent angemeldet hat, wird darüber hinaus auch in der Chemieindustrie eingesetzt. Dort hilft es beispielsweise bei der Öffnung von Tanks, die explosive Gemische enthalten. Durch das Cobra-System wird dann eine Druckentlastung durchgeführt und eine Durchzündung verhindert.

Funktionsweise der Löschtechnik Cobra

Das Prinzip des Löschsystems ähnelt dem eines Betonschneiders. Das Löschmittel setzt sich aus einem abrasiven Gemisch mit Sand und Stahl zusammen, das unter Hochdruck eingesetzt wird. Bei 300 Bar und 60 Litern pro Minute wird eine Zugangsöffnung gefräst, durch die Wassernebel in einen brennenden Raum eindringen kann. Das kalte Löschwasser kühlt den Innenraum auf bis zu 80 Grad ab. "Die Atmosphäre ähnelt dann einem guten Saunaaufguss", erklärt Daniel Meyer, Leiter der Unterarbeitsgruppe Feuerwehrensache" target="_blank">Technik und Taktik des Projekts "Feuerwehrensache". Von diesem Moment an können Einsatzkräfte problemlos die Türen öffnen und die restliche Glut ablöschen. Der Vorteil von Cobra ist also, dass sich die Feuerwehrleute nicht mehr in unmittelbare Gefahr begeben müssen. Wichtige Voraussetzung dafür ist, dass keine Menschenleben bedroht sind oder keine Chance auf Rettung von Brandopfern mehr besteht. Um solche Situationen richtig einschätzen zu können und die Entscheidung für das Cobra-System zu treffen, ist laut Josef Dehling, ehemaliger Leiter der Feuerwehr Gladbeck, auch die Erfahrung des Einsatzleiters wichtig. In Gladbeck kennt man sich seit 2009 mit der Verwendung von Cobra aus: Unter der Leitung von Dehling war sie eine der ersten Feuerwehren in Deutschland, die selbst ein Cobra-System erwarb.

Funktionsweise des Cobra-Systems. Grafik: Josef Dehling

Funktionsweise des Cobra-Systems. Grafik und Teaserbild: Josef Dehling

Damit die Technik flexibel von außen eingesetzt werden kann, ist sie in einem kleinen Spezialfahrzeug verbaut. So kann der Wagen schnell zum Einsatzort gelangen und zur Sicherheit der Einsatzkräfte beitragen. Zudem kann das Cobra-System auch bei schwer erreichbaren Orten wie Containern, Dachhauben, Silos oder Kellern genutzt werden. Den größten Effekt hat das System, wenn es in Räumen mit geringer Belüftung eingesetzt wird - also der Raum bestenfalls nur einen Eingang besitzt. Je geringer die Belüftung und höher die Temperatur am Einsatzort ist, umso besser funktioniert die Methode. Denn über den Aspekt der Kühlung hinaus besitzt der Wasserdampf auch die Eigenschaft, den Sauerstoff zu verdrängten. Sauerstoff, den das Feuer zum Brennen benötigt.

Das Projekt Feuerwehrensache

Feuerwehrensache - das ist ein Gemeinschaftsprojekt des Ministeriums für Inneres und Kommunales in Zusammenarbeit mit dem Verband der Feuerwehren in Nordrhein-Westfalen. Im Jahr 2013 wurde es von Ralf Jäger, dem damaligen Minister für Inneres und Kommunales von Nordrhein-Westfalen, beschlossen. Die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf etwa sechs Millionen Euro. Dabei enthalten war jedoch nicht nur die Anschaffung eines Cobra-Systems mit zugehörigen Schulungen, sondern vor allem auch die Förderung des Ehrenamtes "Feuerwehr".  "Das gesamte Projekt Feuerwehrensache wird vom Ehrenamt getragen", sagt Daniel Meyer. Dadurch können insgesamt 20 Feuerwehren jeweils einen der vier Erprobungswagen für vier Monate testen. Dazu zählen neben dem Vorauslöschfahrzeug Cobra drei Mittlere Löschfahrzeuge (MLF).

Ehrenamt fördern

Alle Kommunen hatten zunächst die Möglichkeit ihr Interesse zu bekunden. Auch die Feuerwehr Königswinter hat dies getan und darf nun im Rahmen des Projekts als letzte Feuerwehr bis November das Cobra-System erproben. "Wir haben nicht die Feuerwehren gesucht, sondern die Feuerwehren haben uns gefunden", erklärt Meyer im Namen des Projekts. Da es am Ende jedoch mehr Interessenten als tatsächliche Erprobungszeiträume gab, wurde die Eignung der einzelnen Feuerwehrwachen betrachtet. Wichtig war unter anderem, dass alle Feuerwehrformen gleichmäßig vertreten waren: darunter freiwillige Feuerwehren, freiwillige Feuerwehren mit hauptamtlichen Kräften und Berufsfeuerwehren. Auch die Einsatzfrequenz spielte eine Rolle, da hier nicht nur Wachen mit vermeintlich vielen Einsätzen im Jahr einen Wagen erhalten sollten. "Wir haben versucht einen bunten Querschnitt durch die ganze Feuerwehrlandschaft zu erhalten und dem Anschein nach ist uns das auch gelungen", bewertet Meyer den bisherigen Projektverlauf.

Dennoch mussten die ausgewählten Feuerwehren sich etwas gedulden. Denn bei der Auslieferung der neuen Wagen fielen zahlreiche Mängel auf, die erst behoben werden mussten.  Es fehlten beispielsweise Funkgeräte oder Wassermenge reichte nicht aus. So verzögerte sich der Projektstart um knapp zehn Monate.

Schulungen vor dem Einsatz

Ab Juli konnten endlich auch die Feuerwehrleute aus Königswinter ihren neuen Einsatzwagen testen. Zuvor gab es dafür eine Personalschulung mit einer kleinen Gruppe von acht Personen. Die Schulung hat an zwei Tagen stattgefunden; am ersten Tag stand Theorie auf dem Plan, am zweiten Tag ging es dann auf das Gelände der Bundeswehr bei Dorsten zur Praxisübung. "So eine Anwenderschulung ist sehr wichtig, damit man sich über die Gefahren und die Arbeitsweise einen Überblick verschafft", so Dehling. Zu den Anfangsübungen gehörten aber nicht nur das Abgeben von Wasser mit der Lanze, sondern auch Schneidübungen an Beton- und Stahlplatten. Zum Schluss heizten die Einsatzkräfte einen Container auf und bekämpften den Brand mit dem Cobra-System. Hier konnten sie auch zu jeder Zeit beobachten, wie sich das System auf Dauer auswirkt. Zum anderen gab es für den Einsatzleiter noch eine spezielle Schulung. Als Führungskraft muss er die Cobra beauftragen und befehlen. "Er legt fest, wann die Cobra zum Einsatz kommt", so Dehling. Das System muss dann in Teamarbeit eingesetzt werden: Die Einsatzkräfte müssen die Wasserstrahl-Lanze bedienen während der Ablauf unmittelbar vom Einsatzleiter beobachtet wird. Dabei muss er erkennen, ob das System seine gewünschte Wirkung erzielt. Deswegen meint Dehling: "Es ist wichtig, dass auch die Führungskräfte ihren Aufgaben entsprechend geschult werden."

Video über den Einsatz der Löschtechnik Cobra


Das Video zeigt, wie schnell Cobra die Materialien durchdringt. Quelle: cumbriacountycouncil

Interview mit Daniel Meyer

Weniger Technik, mehr Fokus

Hauptberuflich arbeitet Daniel Meyer für das Institut der Feuerwehr Nordrhein-Westfalen. Aber so wie viele andere engagiert er sich über seine normale Arbeit hinaus auch ehrenamtlich für das Projekt Feuerwehrensache. Hier ist er Leiter der Unterarbeitsgruppe Technik und Taktik, die den Testeinsatz der neuen Löschfahrzeuge mit organisiert haben.

Technikjournal: Wie helfen die neuen Löschfahrzeuge - das Vorauslöschfahrzeug und die Mittleren Löschfahrzeuge - den Einsatzkräften bei der Arbeit?
Daniel Meyer: Die Fahrzeuge sind speziell auf die Basisaufgaben zugeschnitten - also alles, was in den ersten Momenten an der Einsatzstelle unternommen werden muss. Dazu zählen beispielsweise die Absicherung des Unfallortes und die Sicherstellung des Brandschutzes. Und bisher sind unsere Rückmeldungen eher positiv: Die Einsatzkräfte wissen sehr schnell, was auf den Fahrzeugen ist, weil sie es überschauen können. Durch diese Reduzierung ist die Bedienung sehr schnell trainiert und die Arbeit läuft sicherer ab. Die Fahrzeuge können schon nach kurzer Zeit vollkommen in den Einsatz integriert werden.

Technikjournal: Gibt es schon einen Plan, ob mehr dieser Einsatzfahrzeuge angeschafft werden sollen?
Meyer: Die Beschaffung von Fahrzeugen ist eine kommunale Aufgabe. Das heißt, das Land Nordrhein-Westfalen macht den Kommunen hier keinerlei Vorschriften, welche Fahrzeuge wie und wo zu beschaffen sind. Von daher ist unser Pilotprojekt nur ein Denkanstoß für die Feuerwehren im Land. Sie können sich dann die Frage stellen, ob das für sie ein gutes Fahrzeugkonzept ist, das sie übernehmen wollen. Unser eigentliches Ziel war es, zunächst nur die Fahrzeugtypen bekannter zu machen und den Feuerwehren zu zeigen, dass mehr Technik nicht unbedingt besser ist. Es ist besser sich zielgerichtet für ein Gefährdungspotential auszurüsten.

Technikjournal: Gab es Situationen, bei denen Technik auf den Fahrzeugen gefehlt hat, weil sie bei der Konstruktion nicht als notwendig angesehen wurde?
Meyer: In dieser Richtung sind die Auswertungen noch nicht abgeschlossen, sodass ich jetzt kein abschließendes Fazit ziehen kann. Nach meinem ersten Überblick war es nicht so, dass Gerätschaften generell gefehlt haben. Waren sie aber auf unseren Fahrzeugen nicht vorhanden, so wurden sie im Einsatz von einem anderen Fahrzeug nachgeliefert. Dadurch wurde dann die Zeit kritisch. Aber dabei müssen wir bedenken, dass es auch eben unser Konzept ist, dass die Fahrzeuge nicht alles mitbringen müssen, sondern nur das Nötigste für die ersten Momente am Einsatzort. Aber bis zum Ende dieses Jahres wollen wir die Auswertung mit einem entsprechenden Abschlussbericht fertigstellen.

Technikjournal: Warum wird die Technik von Cobra, die schon seit 2002 existiert und patentiert ist, bisher nur so selten eingesetzt?
Meyer: Das mag vielleicht am Marketingkonzept gelegen haben. Ich selbst kann das schwer beurteilen, habe aber das Konzept selbst auch schon im Jahr 2006 vorgestellt bekommen. Damals sah ich es als wenig zielführend an, weil die Möglichkeiten nicht nachvollziehbar transportiert worden sind. Andererseits ist das System aber auch ein Kostenfaktor und die Technik besitzt nur eine relativ überschaubare Einsatzhäufigkeit. Zudem gibt es immer schon eine Einsatztaktik, die sich bewährt hat. Jede Feuerwehrwache muss sich also gut überlegen, ob sie auf ein neues Pferd setzen will. Und das haben bisher nur sehr wenige Feuerwehren in Nordrhein-Westfalen gemacht.

Technikjournal: Die Feuerwehren scheuen sich also eher vor technischen Neuerungen?
Meyer: Es gibt technische Entwicklungen, aber sie sind eher Details, die die Arbeit einfacher und sicherer machen. Inzwischen werden beispielsweise hydraulische Rettungsgeräte mit Akku betrieben - nicht mehr mit einem Verbrennungsmotor, Hydraulikaggregat und unhandlichen Schläuchen. Dann wurden darüber hinaus auch Stahlrohre eingeführt, wodurch die gleiche Menge Wasser deutlich effektiver genutzt werden kann. Oder eine neue Schutzkleidung, die einen deutlich besseren Schutz vor Hitze, Flammen und Wasserdampf bietet. Die Feuerwehr erfindet sich selbst nicht neu, aber es gibt immer wieder kleinere, hilfreiche Innovationen.

Technikjournal: Was erhoffen Sie sich von dem neuen Cobra-System für den Arbeitsschutz der Feuerwehrleute?
Meyer: Sicherheit ist ein wichtiger Punkt für uns. Beim Vorauslöschfahrzeug Cobra müssen nun weniger Einsatzkräfte in den Hochrisikobereich vordringen. Nehmen wir das Beispiel eines Kellerbrands: Wenn man einem Brandherd ohne Sicht entgegenrobben muss und man mögliche Gefahren nicht rechtzeitig erkennen kann, dann hat man ein riesiges Problem. Es könnte zu einer Rauchgasdurchzündung kommen und man hätte keine Fluchtmöglichkeit mehr. In dem Fall ist es natürlich ein erheblicher Sicherheitsgewinn, dass die Einsatzkräfte das Cobra-System von außen einsetzen können. Womit wir uns hier also aktuell beschäftigen, ist, die Arbeit sicherer zu machen.

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