Natur und Technik sind keine Gegensätze

Prof. Sturma verstand es, das Publikum zu fesseln. Foto: Roman Heinrichs

Was ist Technik? Was ist Natur? Kann Technik gut oder böse sein? Diesen grundlegenden Fragen ging der Philosoph Professor Dieter Sturma in seinem Vortrag „Die Technik der zweiten Natur“ nach. Scheinbare Gegensätze und der gefühlte Konflikt zwischen Natur und Technik lösten sich bei genauerer Betrachtung auf. // Von Lukas Schröter

Dieter Sturma, Professor für Philosophie an der Universität Bonn und Direktor namhafter wissenschaftlicher Einrichtungen, die sich mit Wissenschaft, Biowissenschaft und Ethik befassen, ist überzeugt: „Ich glaube nicht, dass Natur und Technik Gegensätze sind.“ Technik sei Teil des Menschen, der sie entwickelt und hat somit einen natürlichen Ursprung. Das gelte auch für moderne Technik, die von vielen Menschen als unnatürlich wahrgenommen wird.

Auch Sprache gehört zur Technik

Schritt für Schritt baute Sturma seine Argumentation auf. Der Mensch habe schon lange bevor er im Holozän in Erscheinung trat, Techniken entwickelt. Diese hätten zum Ziel gehabt, Raum und Zeit zu beherrschen, um sich daraus einen Vorteil zu verschaffen. Er teilte Jagdgebiete auf, strukturierte Lagerstätten und lernte es, die Zeit zu bestimmen, etwa nach dem Stand der Sonne. Er erfand die Sprache. „All das“ erklärte Sturma „ist Technik. Die Sprache ist auch eine Technik.“ Der Mensch nutzte schon seit jeher Technik zur Erweiterung seiner Handlungsspielräume.
Dass Technik die Welt gestaltet, hat der Philosoph Ernst Cassirer bereits 1930 in seinem Aufsatz „Form und Technik“ beschrieben. Der Mensch baue sich mit Hilfe von Technik seine Welt. Autonome Technologien, denen Künstliche Intelligenz und Roboter zugeordnet werden, hätten heute mehr denn je die Möglichkeit, die Umwelt mitzugestalten. Das dürfe aber nicht darüber hinweg täuschen, dass der Mensch darüber entscheide, wie die Technik mit der Umwelt interagiert und diese verändert.

Chancen und Gefahren

„Der Mensch legt fest, ob spezifische Formen der Technik einen Beitrag zur Humanisierung oder Dehumanisierung der Lebenswelt leisten“, gab Sturma zu bedenken. Unter Humanisierung fasste er die Chancen der Technik zusammen, wie die Verbesserung der medizinischen Versorgung, die Bekämpfung des Hungers, Umweltschutz und der Zugang zu Informationen und gesellschaftlichen Kommunikationsprozessen. Gefahren technischer Dehumanisierung sieht Sturma in Bedrohung und Entfremdung, in der sozialen und politischen Schwächung der Einzelperson und in der Erosion des menschlichen Selbstverständnisses und der Selbstverantwortung.

In seinem Vortrag ging Prof. Sturma vor allem auf einige philosophische Ansätze zum Thema: „Autonome Technik“ ein. Foto: Roman Heinrichs

Unterschied zwischen künstlicher und menschlicher Intelligenz

Der Begriff der Autonomie sollte nicht beliebig verwendet werden. Hier unterscheidet der Philosoph strikt zwischen menschlicher und technischer Autonomie. Menschliche Autonomie stehe für die Fähigkeit von Personen, nach selbst gewählten Regeln zu handeln. Bei Technik beziehe sich der Autonomiebegriff hingegen auf Handlungen in einem vorgegebenen Handlungsfeld. „Ein Roboter, der seine Arme in drei Richtungen bewegen kann, ist deswegen nicht autonom“, sagte er. Auch bei Begriffen wie Künstlicher Intelligenz würde nicht genug differenziert: „Künstliche Intelligenz ist etwas anderes als menschliche Intelligenz.“ Der Mensch würde über Gründe verfügen, die ihn zum Handeln bewegten. Das habe die Maschine nicht. Daraus leitet Dieter Sturma ab, warum Maschinen weder „gut“ noch „böse“ oder gar „autonom“ sein könnten: Sie seien unfähig, eigenständig zu handeln.

Mit Zuversicht in die Zukunft

Sind Ängste dennoch begründet? Ein Zuhörer sprach die Geschwindigkeit technischer Innovationen an und dass es schwierig sei, mit den Veränderungen Schritt zu halten. Das konnte Dieter Sturma gut nachvollziehen, hier sollte man seiner Meinung nach Unternehmen und Forschern vertrauen. Viele Diskussionen um das Thema Sicherheit kann er allerdings nicht nachvollziehen und kritisierte: „Das Apokalyptische ist nicht sinnvoll.“ Und mit Blick auf die Angst vor Datenerfassung fragte er provokant: „Wer fühlt sich denn wirklich von der Erfassung von IP-Adressen bedroht?“

Nachfolgend einige Eindrücke aus dem Vortrag von Professor Dieter Sturma, eingefangen von Jannik Böhm:

 

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