Der Ball im Netz. Für die Statistik heißt das 1:0. Foto: Müller

Mehr als das Runde im Eckigen

Seit dem ersten EM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft ist sie wahrscheinlich jedem Fußballfan ein Begriff - die sogenannte Packing Rate. Sie ist ein neuer Analysewert, der die bisherigen Spieler-Statistiken verbessern soll. Doch wie werden diese Daten überhaupt erhoben?// Von Sabrina Müller und Felix Brück

15.07.2016//Europameisterschaft 2016 im Stadion Matmut-Atlantique in Bordeaux, Frankreich. Gareth Bale, Superstar der walisischen Nationalmannschaft, verwandelt einen Freistoß in das 1:0 gegen die Slowakei. 28 Meter weit flog der Ball über die Mauer ins Netz. Das wusste der Kommentator wegen der hochmodernen Analysetechnik im Stadion. Diese macht zahlreiche Fußball-Statistiken rund ums Leder und die Spieler möglich.

Egal ob Torschüsse, Pässe, Ballbesitz oder Foulspiele - bei Liveübertragungen von Fußballspielen werden die Fans vor dem Fernseher zu Hause häufig ganz aktuell informiert. Zumeist über den Kommentator, mal über eingeblendete Statistiken, aber spätestens bei der Auswertung durch Moderatoren und Fußball-Experten in der Halbzeitpause oder nach dem Spiel.

Wie Fußball-Statistiken entstehen

Was ist beim Packing anders?

Stadion-technisch gesehen ist Packing, das von dem Kölner Unternehmen Impect entwickelt wurde, keine Revolution für die Fußballstatistiken. Die Packing Rate wird mit der bisher standardmäßig in den Stadien verbauten Technik erhoben. Hierbei handelt es sich in erster Linie um die beiden Kameras, die unter dem Stadiondach befestigt sind. Sie können alle Positionen auf dem Spielfeld erfassen. Der bahnbrechende Unterschied zu den bisherigen Statistiken ist die automatisierte Erkennung der Spielzüge. Die Software kann beispielsweise Ballannahmen oder ein Passspiel eigenständig erkennen. Technikjournal hat Matthias Sienz, den Technischen Leiter und Mitbegründer von Impect, zur neuen Statistik befragt.

Matthias Sienz, den Technischen Leiter und Mitbegründer von Impect. Foto: Sebastian Dreher, RWTH Aachen

Matthias Sienz, den Technischen Leiter und Mitbegründer von Impect. Foto: Sebastian Dreher, RWTH Aachen

Technikjournal: Wie erfassen Sie die Daten für die Statistiken?

Sienz: Die Positionsdaten bestehen unter anderem aus den x-, y-, und z-Koordinaten von allen Spielern und dem Ball. Für unsere Packing-Daten führen wir dann Berechnungen auf Grundlage dieser Positionsdaten durch. Wir haben bestimmte Algorithmen entwickelt, die aus den Positionsdaten die für uns relevanten Informationen ziehen, die nachher als Eingangsgröße für unsere Kennzahlberechnung dient. Beispielsweise kann berechnet werden, wie viele Gegner zu einem Zeitpunkt noch verteidigen können. Diese Daten werden dann von unseren Scouts geprüft und im Zweifelsfall noch korrigiert. Anschließend werden dann die Kennzahlen berechnet und in unseren Datenbanken abgelegt. Wir schicken dann nach dem Spiel die Werte an die Trainer beziehungsweise liefern die Statistiken während eines Spiels live an die Medien.

Technikjournal: Können alte Aufnahmen nachträglich analysiert werden?

Sienz: Man kann natürlich auch die Daten nachträglich und ohne Positionsdaten erheben. Dafür müssen eben die wesentlichen Eingangsgrößen der Kennzahlberechnung händisch erhoben werden. Bei mehr als 1000 Aktionen pro Spiel ist das jedoch sehr viel Arbeit.

Technikjournal: Sind Sie schon zufrieden mit den jetzigen Statistiken oder sollen diese noch genauer oder in der Zukunft noch umfangreicher werden?

Sienz: Die Packing Rate, die im Laufe der EM bei der ARD vorgestellt wurde, ist nur ein kleiner Teil dessen, was wir anbieten. Man kann den Gedanken "wie viele Spieler nehme ich bei einer Aktion aus dem Spiel" auch auf weitere Aktionen anwenden. Damit kann man zum Beispiel analysieren wie gut eine Balleroberung - nehme ich dem gegnerischen Stürmer den Ball ab oder dem gegnerischen Innenverteidiger? - oder wie schwerwiegend ein Ballverlust war. Insgesamt haben wir auf diese Art und Weise eine ganze Reihe von Kennzahlen entwickelt, die wir den Vereinen in unseren Reports auch anbieten.

Technikjournal: Haben Sie eventuell schon Kontakt mit anderen Verbänden, die Ihr System in der Liga einführen wollen?

Sienz: Mit anderen Fußballverbänden haben wir noch keinen Kontakt, allerdings mit Vereinen aus anderen Ligen. Die ganze Packing-Thematik hat es während der Europameisterschaft auch in ausländische Medien geschafft, weshalb auch von dort Anfragen kamen.

Was ist Packing?

Die Chance ein Tor zu erzielen, ist für eine Mannschaft immer am größten, wenn möglichst wenig Gegner zwischen dem Schützen und dem Netz stehen. Das neue Bewertungskriterium Packing errechnet sich daher aus der Anzahl der überspielten Gegner. Passt ein Verteidiger zum Stürmer und der Ball rollt an drei Gegenspielern vorbei, so beträgt die Packing-Rate drei. Die Gesamt-Rate am Ende besteht dann aus allen überspielten Gegnern während des Spiels.

Somit gilt: Je höher dieser Wert, desto höher war die Chance, Tore zu erzielen. Der Unterschied zum Impect-Wert ist nur, dass hierbei lediglich überspielte Verteidiger gezählt werden.

Packing - Gegner überspielen im Fußball. Video: Impect

Weitere Infos zu den neuen Statistiken gibt es auf der Website von Impect.

Weitere Links rund um das Leder

RedFIR ist ein Ortungssystem, mit dem Fußballspiel-Daten analysiert werden können. Das System wird schon zu Trainingszwecken im Nürnberger Stadion genutzt. Der Einsatz einer solchen Technologie im Fußball wirft aber auch Zweifel auf. Mehr dazu auf Technikjournal.de

Die DFL vergibt die Rechte am Profifußball in Deutschland. Unter anderem beauftragt sie auch die Unternehmen, die für die Statistiken zuständig sind. Mehr zu den Aufgaben des DFL.


Die Autoren

Felix Brück

Felix Brück

Sabrina Müller

Sabrina Müller

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